Abnehmen, wie es mir
gefällt
Im Dauerrummel um die Idealfigur
gilt heute jeder als dick, der nicht mager ist. Statt sich von Schönheitsdiktaten
irre machen zu lassen, rät Maja Storch, auf sich selber zu hören:
Was ist gesund? Was ist schön? Und vorallem: WAS WILL ICH?
Der Artikel erschien in der Ausgabe
35/2008 im September 2008 der Schweizer Familie

Im Dauerrummel
um die Idealfigur gilt heute jeder als dick, der nicht mager ist. Statt sich
von Schönheitsdiktaten irre machen zu lassen, rät Maja Storch, auf
sich selbst zu hören: Was ist gesund? Was ist schön? Und vor allem:
Was will ich?
Maja Storch ist Psychologin und Autorin von Sachbüchern wie «Mein
Ich-Gewicht» (Pendo Fr. 30.90). Im Herbst erscheint von ihr «Rauchpause».
Kürzlich war in einem Magazin ein Interview mit Barbara Becker zu lesen,
die die Welt gerade mit einer neuen Fitnesslinie beglückt. Sie wurde darin
um einen Tipp gebeten, wie man am besten dem inneren Schweinehund ein Schnippchen
schlägt. Die Antwort war vielsagend: jeden Morgen gleich nach dem Aufstehen
für drei Stunden ins Fitnessstudio. Sie denken jetzt das Gleiche wie ich:
Wie würden die Kollegen wohl reagieren, wenn ich erst um die Mittagszeit
am Arbeitsplatz einliefe mit der Begründung, ich müsse jeden Morgen
im Fitnessstudio meinen inneren Schweinehund bekämpfen?
Das ist nur eine kleine Kostprobe vom grossen Rummel rund ums Thema Abnehmen
und Fitness. Es gibt sicherlich Ratschläge, die mehr mit dem wirklichen
Leben zu tun haben als die von der Ex-Ehefrau des Tennisstars, doch auch das
wissenschaftliche Expertentum trägt längst nicht nur zur Klärung
bei. Es ist an der Zeit, Ordnung in die Diskussion zu bringen. Meiner Ansicht
nach lässt sich mit drei Fragen das Dickicht aus Wissen und Meinungen lichten.
Nämlich: Was ist gesund? Was ist schön? Und was will ich?
Eine allseits akzeptierte Formel beherrscht die öffentliche Diskussion:
Schlank = gesund = langes Leben. Und entsprechend: Dick = krank = vorzeitiger
Exitus. Überhaupt wird man nicht müde, uns einzuhämmern, dass
viele von uns zu viele Kilos auf die Waage bringen. Landauf, landab wird Übergewicht
zusammen mit Adipositas (Fettsucht) zu den Risikofaktoren für gesundheitliches
Wohlbefinden gezählt. Doch Übergewicht und Adipositas gehören
nicht in denselben Topf.
Im Gegensatz zu dieser geht das sogenannte Übergewicht ganz und gar nicht
mit einem Gesundheitsrisiko einher. Laut einer amerikanischen Studie von 2005
haben Menschen mit einem Body Mass Index zwischen 25 und 30, die Gruppe der
Übergewichtigen also, sogar eine höhere Lebenserwartung als Normalgewichtige.
Also wäre es nur angebracht, die moppeligen Zeitgenossen den Normalos zuzurechnen.
Dabei werden die Menschen mit einem Body Mass Index zwischen 25 und 30 nicht
nur fälschlicherweise krank geredet, sondern es wird ihnen auch noch suggeriert,
dringend etwas für ihr Aussehen tun zu müssen. In einem Zürcher
Stadtmagazin bin ich auf eine Werbeanzeige für Fettabsaugen gestossen.
Am Bild einer Frau und eines Mannes, die zweifellos zu den allseits anerkannten
Normalgewichtlern zählen, wurden Fettpölsterchen angemahnt, die dringend
weg sollten. Hier wird das Normale für falsch erklärt. Eine geniale
Geschäftsidee. Das ist, wie wenn es hiesse: Alle mit zwei Ohren müssen
zum Ohrabsaugen, weil die Ohrmuscheln überflüssige Knorpelmasse aufweisen.
Kann Hüftspeck schön sein?
Womit wir mitten im Thema Schönheit wären. Was ist schön? Jeder
weiss, dass die Antwort weitgehend zeitabhängig ist. Doch dieses Wissen
hilft in der Regel nicht viel. Ich war zum Beispiel als Teenager, was ich eine
Marzipanfrau nennen möchte: runde Schenkel, runder Po. Dummerweise war
das zu einer Zeit, in der alle Welt, das heisst die weibliche, optimalerweise
wie Twiggy auszusehen hatte. Im 19. Jahrhundert gab es bereits die Vorher/Nachher-Vergleiche,
die sich in heutigen Modemagazinen immer noch grösster Beliebtheit erfreuen.
Allerdings mit einem entscheidenden Unterschied: In der Vorher-Rubrik erschien
eine schlanke Frau, das erstrebenswerte Nachher zierte eine sehr mollige Lady.
Und noch die Fotomodelle der 1950er- Jahre hätten sich von Vornherein aus
dem Kopf schlagen können, bei Heidi Klums Top-Models auch nur den Hauch
einer Chance zu haben. So dominant ist das heutige Diktat des Dünn-Sein-Müssens,
dass viele eine offensichtliche Tatsache ignorieren: Ein Mops, der abmagert,
sieht noch lange nicht aus wie ein Windhund, sondern eben nur wie ein verhungerter
Mops.
Wer will schon so aussehen. Was will ich überhaupt? Wer die Beantwortung
dieser Frage Modetrends überlässt, setzt auf Dauer falsche Prioritäten.
Finden Sie es so unvorstellbar, zu dem Ergebnis zu kommen, dass Sie sich mit
den Pfunden, die angeblich zu viel sind, erst richtig wohlfühlen? Oder
gar, dass Sie sich mit Ihrem Hüftspeck gefallen? Kommen Sie mit guten Gründen
zum Ergebnis, dass der Speck weg muss, dann stellt sich wieder das Problem,
wie man es schafft, den sinnlich-runden Pralinés und den goldfarbenen
Sahnesösschen zu entsagen. Dingen, die das Leben durchaus schöner
machen können.
Wenn der Kopf zu viel will
Warum schaffen es eigentlich grade mal zehn Prozent, nach dem Abnehmen ihr Gewicht
auf Dauer zu halten? Tatsächlich geht es hier um die Willenskraft, die
darin besteht, mit dem Impuls, es sich gut gehen zu lassen, richtig umzugehen.
Dieser Impuls wird sich über kurz oder lang als der stärkere erweisen,
wenn Sie nur versuchen, ihn zu bezwingen, ohne ihn sich zum Freund zu machen.
Die bewusste Selbstkontrolle versagt gerade dann, wenn sie zu viel will. Oder
wenn sie etwas will, was sie gar nicht leisten kann. Tatsächlich besitzen
wir noch ein zweites Steuerungssystem, ein unbewusstes, das höchst effizient
arbeitet. Welch wichtige Rolle Freuds Unbewusstes in unserem Leben spielt, hat
mittlerweile die moderne Hirnforschung nachgewiesen.
Sie werden
wahrscheinlich nicht zu den erfolgreichen zehn Prozent gehören, wenn Sie
dieses «emotionale Erfahrungsgedächtnis», so die wissenschaftliche
Bezeichnung, nicht in Einklang bringen mit Ihrer bewussten Selbstkontrolle.
Dieses unbewusste Steuerungssystem hat sich aufgrund all der persönlichen
Erfahrungen gebildet, die man in seinem bisherigen Leben gemacht hat, und bewertet
nicht wie der Verstand nach richtig und falsch, sondern nach angenehm und unangenehm.
Es meldet sich durch das Bauchgefühl und zeigt etwa durch Kribbeln oder
dumpfen Druck in der Brustgegend, ob es etwas gut oder schlecht findet. Es gibt
Menschen, die intuitiv auf dieses Bauchgefühl hören. Andere müssen
es (wieder) lernen. Das geht.
Dann kann
man auch deutlich vernehmen, wie der Bauch bei zu viel kopfgesteuerten Verboten
Nein sagt. Finden Sie für sich ein positives Ziel, zu dem Sie von innen
heraus Ja sagen können. Durch Sätze wie «Eile mit Weile»
oder «Nutze den Tag» gibt schon der Volksmund etwas Grundsätzliches
zu verstehen: Man braucht eine Haltung zu etwas, um zum wie auch immer gearteten
langfristigen Ziel zu gelangen. Trennkost, Fett abwiegen, Joggen gehen sind
Taktiken, die über den Verstand laufen und die permanente Selbstkontrolle
verlangen. «Spring!» lautete dagegen etwa das Ziel eines Seminarteilnehmers,
der wieder leichtfüssiger durchs Leben kommen und dafür Pfunde verlieren
wollte. In «Spring!» drückt sich seine massgeschneiderte Haltung
zum Thema Abnehmen aus, der sich die Taktiken fügen. Die Motivationsspychologie
sagt dazu: Die Haltungsziele erfassen alle Steuerungsebenen.
Und eines
ist ganz sicher: Solche Haltungsziele haben sich nicht unbemerkt über Barbara-Becker-Ratschläge,
Panikmache durch statistische Spielchen oder Schönheitsdiktate in Sie hineingeschlichen.
Sie verdanken sie Ihren eigenen Wünschen und Vorstellungen.