Dünn oder dick, welche Figur ist gesünder?

Das Interview mit Udo Pollmer dem wissenschaftlichen Leiter des Europäischen
Instituts für Lebensmittel- und Ernährungswissenschaften.

Das Interview erschien in der Zeitschrift Bunte vom 24.5.07


 

  

 

Udo Pollmer - Der Bestsellerautor ist wissenschaftlicher Leiter
des Europäischen Instituts für Lebensmittel- und Ernährungswissenschaften

 

Ganz Deutschland diskutiert: Ist Dicksein ein gefährliches Gesundheitsrisiko oder schenken Fettpölsterchen mehr Lebensfreude und sogar eine höhere Lebenserwartung? Auslöser der Kontroversen ist der Ernährungsexperte Udo Pollmer aus Heilbronn. Er behauptet in seinem neusten Buch "Esst endlich normal!" (Piper Verlag, 7,95 Euro): Wir Deutschen seien keineswegs ein verfettetes Volk, Diäten würden krank machen, Übergewicht beschere ein längeres, gesünderes und zufriedeneres Leben. BUNTE fragte Prominente, wie zufrieden Sie mit ihrem Körpergewicht sind, und sprach mit dem streitbaren Diätgegner Udo Pollmer.


Zwei von drei Männern und fast jede zweite Frau in Deutschland sind zu dick. Wieso ignorieren Sie diese Fakten?

Das sind keine Fakten. Wissen Sie, wie diese Zahlen zustande kamen? Bei einer Telefonumfrage. Und weil die Interviewer davon ausgingen, dass kein Mensch sein wahres Gewicht und seine echte Größe angibt, schlugen sie einfach auf das genannte Gewicht großzügig drei Kilo drauf und zogen dafür von der Körpergröße drei Zentimeter ab. Diese getürkten Zahlen sind die Grundlage der Behauptung, dass es 40 Mio. übergewichtige Deutsche gibt. lind: Tatsache ist, dass es keinen Beleg dafür gibt, dass Schlanke mit einem angeblich normalen BMI zwischen 20 und 24,9 weniger gesundheitliche Risiken haben als sogenannte Übergewichtige ab einem BMI von 25. Im Gegenteil: Seit Jahren belegen internationale Studien immer wieder, dass Menschen über 45 mit etwas mehr auf den Rippen, also die mit einem BM I zwischen 25 und 35, ein bis zu 20 Prozent geringeres Sterblichkeitsrisiko haben. Grund dafür ist wahrscheinlich, dass die Korpulenteren im Krankheitsfall etwas zuzulegen haben.


Aber die gesundheitlichen Risiken von Übergewicht wie Bluthochdruck oder Diabetes sind doch keine Fantasie.

Ja, olle angeblich schlimmen Folgen von mehr Körperfülle sind heute schon Schulkindern bekannt: Arteriosklerose, Herzinfarkt, Schlaganfall und so weiter. Meine Frage: Welche Risiken haben Normalgewichtige, haben Dünne? Bekommen die keine Infarkte, keine Schlaganfälle? Seltsamerweise schon. Und seltsamerweise sterben die Schlanken auch eher an solchen angeblich fettbedingten Erkrankungen. Das zeigte auch die aktuellste Studie.


Wollen Sie damit sagen, dass zehn, 20 oder 50 Kilo zu viel gar kein Problem sind und die Abnehmempfehlungen der Mediziner unsinnig?

Zehn oder 20 Kilo mehr sind keineswegs ein Problem. Man darf auch nicht vergessen, dass es biologisch normal und richtig gesund ist, im Laufe des Lebens etwas zuzulegen. Nur wer wirklich fett ist, der lebt etwas gefährlich. Am allergefährlichsten ist jedoch Untergewicht.


Aber die richtig Dicken müssen doch abnehmen.

Wenn das so einfach wäre, würden es sofort alle machen. Es ist doch offensichtlich: Nie vorher war die sogenannte Aufklärung über angebliche Gesundheitsgefahren von etwas Körperfett so groß wie heute. Und obwohl ständig neue Diätratgeber erscheinen, immer mehr Fitnessgurus und Essexperten wie Pilze aus dem Boden schießen und immer mehr kalorienreduzierte Light-Produkte auf den Markt kommen, bleiben die Menschen so, wie sie sind: dünn, mittel, gut gepolstert oder dick. Und als wäre die sinnlose Hungerei und Quälerei im Fitnessstudio nicht schon schlimm genug, weil über 90 Prozent ein Jahr nach einer radikalen Abspeckkur mehr wiegen als vorher, sind die Folgen von Diäten tatsächlich gesundheitsgefährlich. Und zwar nicht nur für die Jo-Joler, sondern ganz besonders für die wenigen, die mit eiserner Disziplin- oder richtig ausgedrückt: mit einer massiven Essstörung- ihr heruntergehungertes Gewicht halten können.


Abnehmen schadet der Gesundheit?

Ja. Weil aus denn Diätwahn immer häufiger lebensgefährliche Essstörungen werden, mit Panikattacken vor Fett, Zucker oder Kohlenhydraten, Hungern, Erbrechen, zwanghaftem Sport, Drogen- oder Medikamentenmissbrauch. Jedes dritte Mädchen in Deutschland ist bereits essgestört! In vielen Schulklassen gibt es schon regelrechte Hungerwettbewerbe. Bei den Erwachsenen schätzt man, dass jede dritte Frau ein gestörtes Essverhalten hat. Und die Männer machen's nach. Besonders die Jüngeren fangen auch an, ständig zu diäten. Ursache für diese alarmierende Entwicklung ist die ständige Suggestion durch Medien und Mediziner, dass Übergewicht hauptsächlich durch falsches oder zu viel Essen entsteht. Doch jeder weiß, dass es jede Menge Schlanke und Normalgewichtige gibt, die alles, worauf sie Lust haben, essen und trotzdem nie Probleme mit ihrer Figur haben. Außerdem essen Moppelige keineswegs das Doppelte oder Dreifache wie von Natur aus Schlanke.


Aber man kann doch nur mit weniger essen abnehmen.

Kurzfristig ja. Aber der Körper merkt sich jede eingesparte Kalorie und holt sie sich, sobald er kann, sofort zurück, lagert aus Vorsichtsgründen sogar mehr Fett ein. Der berüchtigte Jo-Jo-Effekt. Außerdem: Wenn sich ein genetisch bedingt kräftiger gebauter Mensch, ein Pykniker, mühevoll auf angebliche Idealmaße herunterhungert, dann hat er Untergewicht. Der ganze Organismus ist darin gefährlich gestört, obwohl angeblich idealen der BMI im Bereich liegt.


Warum?

Ein Bild dazu: Wenn Sie einen Bernhardiner mit einem Windhund vergleichen, scheint der Bernhardiner natürlich viel zu schwer und zu träge. Jetzt lassen Sie den Bernhardiner hungern und scheuchen ihn jeden Tag stundenlang durch den Wald, damit er Fett abbaut. Wenn der arme Hund endlich dürr genug geworden ist, ist er dann noch gesund? Noch kräftig, noch abwehrstark, noch lebenslustig? Natürlich nicht. Dazu kommt: Würde ein Hundebesitzer sein Tier tatsächlich so mies behandeln, gingen die Tierschützer auf die Barrikaden. Aber mit gut gepolsterten Mitmenschen darf man ohne Weiteres so grausam umspringen. Man muss sie mit allen Mitteln zu weniger Essen und mehr Bewegung motivieren, sagen Mediziner und Ernährungswissenschaftler, weil Dicke ja leider zu faul sind und zu viel essen.


Wenn weder falsches Essen noch Bewegungsmangel schuld sind, was sind dann die Ursachen von Übergewicht?

Es gibt sehr viele. Wenn jemand mehr Fett ansetzt, als seinem Naturell entspricht, darf man den Betroffenen nicht auf Diät setzten, sondern muss ihn untersuchen. Ursache kann beispielsweise ein Hormonungleichgewicht, eine Stoffwechsel- oder Schilddrüsenstörung sein. Auch nach einer Infektion mit dem Schnupfenerreger Adenovirus 36 oder mit Chlamydien kann es zu Gewichtszunahme kommen. Fettpolster können auch Folge von Medikamenten oder einer Therapie gegen den Magenkeim Helicobacter pylori sein. Ein weiterer gewichtiger Fettfaktor ist Stress.


Was hat Stress mit Fett zu tun?

Egal ob körperlicher Stress durch Überanstrengung, Reizüberflutung, zu wenig Nahrung oder Schlaf oder seelischer Stress aufgrund von Existenzängsten, Überforderung, Beziehungsproblemen oder Einsamkeit: Der Organismus produziert in jedem Fall Unmengen des Stresshormons Cortisol. Und dieses Cortisol lässt bei etwa 70 Prozent der Menschen automatisch die Fettzellen wachsen. Betroffene entwickeln, egal was sie essen, in Stresszeiten also unwillkürlich den berüchtigten Kummerspeck Auch deshalb sind Diäten, die ja äußerst stressig sind, kontraproduktiv. Bei den 30 Prozent von Natur aus Dünnen hat Cortisol übrigens die gegenteilige Wirkung: Sie nehmen unter Stress noch weiter ab.


Was sollen Menschen, die sich zu dick fühlen, machen?

Nie mehr Diät halten, nie mehr diese Light-Produtkte kaufen. Aufhören mit Kalorienzählen und Fitnessquälereien. Sich endlich mal entspannen, angstfrei leben und alles geniessen, was ihnen schmeckt und gut tut.

Interview: CAROLA ENGLER


Zitate:

Wer sich auf sein Traumgewicht hungert, riskiert gesundheitliche Schäden

Erschreckend. Jedes dritte Mädchen ist bereits essgestört

Stress kann Fettzellen wachsen lassen