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Je dicker, desto gesünder
Von Michael Miersch
Immer mehr Verbände und Behörden rufen zum Kampf gegen Übergewicht auf. Wissenschaftler dagegen zweifeln, ob Dicksein ungesund ist. Aktueller Forschungsstand: Ein paar Kilos mehr verlängern das Leben.
Der Artikel erschien in
der Ausgabe
03/08 der Weltwoche
Für heutige Schüler ist es nicht leicht, sozialkritische Karikaturen und Plakate des 20. Jahrhunderts zu deuten. Der sportliche Typ, der aussieht, als käme er gerade aus dem Fitnessstudio das ist der Arme. Der Fettsack ist der Reiche. Im 21. Jahrhundert ist es genau umgekehrt. Nirgends gibt es weniger Dicke als unter den Managern. Übergewicht wurde zum Ausweis für niedrigen Sozialstatus
Dick sein war noch nie so verpönt. Während die Grossvätergeneration noch selbstbewusst ihr Wohlstandsbäuchlein trug und ihre runden Frauen mit Stolz präsentierte, stehen die Dicken von heute in der Freak-Ecke. Trotz aller political correctness, die es ansonsten streng verbietet, Witze über körperliche Mängel zu reissen, sind die Dicken zum verbalen Abschuss freigegeben. Lachen auf Kosten von Dicken ist erlaubt.
Natürlich geschieht die soziale Ausgrenzung nur zu ihrem Besten, denn Übergewicht, hämmern Gesundheitspolitiker, Ernährungsberaterinnen, Frauenzeitschriften und Diätindustrie auf uns ein, ist gefährlich. Dicksein sei ungesund, führe zu zahlreichen Krankheiten und sei eigentlich selber schon eine Krankheit. Daher müssten die Kilos an Bauch, Hüften und Waden unerbittlich bekämpft werden. Am besten von Kindesbeinen an.
Genährtes Problembewusstsein
Jedes fünfte Mädchen und jeder sechste Knabe seien übergewichtig, heisst es bei der schweizerischen Gesellschaft für Ernährung. In Zürcher Kindergärten wurde die Aktion «Purzelbaum» gestartet, die sicherstellen soll, dass sich die Kleinsten möglichst den ganzen Tag bewegen. Der städtische Schulgesundheitsdienst stellt die Pausenkioske auf gesunde Kost um. Denn, so Daniel Frey, Leiter des Dienstes, jedes fünfte Zürcher Kindergartenkind und jedes vierte Schulkind seien zu dick. Schüler werden aufgefordert, Bewegungs- und Ernährungstagebücher zu führen. Und auch die Erwachsenen sollen aufhören, spontan ihrem Appetit nachzugeben. Denn, so das Bundesamt für Statistik, 38,7 Prozent der Schweizer trügen mehr Speck an sich, als sie sollten. Die Gesundheitsfolgen der allgemeinen Verfettung kosteten die Volkswirtschaft mehrere Milliarden Franken pro Jahr.
Nicht anders in Deutschland. Dort, liess das Verbraucherministerium im Jahr 2004 verkünden, seien ein Drittel aller Knaben und ein Viertel aller Mädchen zu dick. 2007 tischte die Deutsche Adipositas-Gesellschaft der Öffentlichkeit noch fettere Zahlen auf: 70 Prozent der Männer und 50 Prozent der Frauen in unserem Nachbarland seien übergewichtig. Die grosse Koalition führt die Diätkampagnen ihrer rot-grünen Vorgänger mit ungebremstem Eifer weiter. England meldet 16 Prozent dicke Kinder, auch dort Anlass für hektische politische Aktivitäten.
Das Sahnehäubchen der Statistik kommt aus den Vereinigten Staaten, wo angeblich nur noch ein Drittel der Bevölkerung Normalgewicht besitzt. Von dort heisst es, dass die Fettleibigkeit demnächst mehr Menschenleben kosten wird als das Rauchen. Und im Sommer 2006 verkündete der amerikanische Agrar-Ökonom Barry Popkin, dass es nun mehr Übergewichtige als Unterernährte auf der Welt gebe. Eine Milliarde sei zu dick, 800 Millionen Menschen haben nicht genug zu essen.
Doch während das Problembewusstsein weiter genährt wird und die Warnungen immer schriller klingen, schmilzt die wissenschaftliche Faktenbasis wie Fett auf dem Grill. Übergewicht, sagt eine wachsende Zahl von Experten, mag ästhetisch misslich sein, gesundheitsschädlich ist es nicht. Diese überraschende Erkenntnis wird durch immer mehr Studien erhärtet. Im November 2007 erklärten das amerikanische National Cancer Institute und die Centers for Desease Control, dass leichtes Übergewicht die Sterblichkeitsrate senke. Die Gesundheitsdaten von zwei Millionen US-Bürgern wurden dafür ausgewertet.
Zu den zahlreichen Krankheiten, die bei Pummeligen seltener auftreten, gehören Parkinson, Lungenkrebs und Alzheimer. Herz- und Kreislaufprobleme waren allerdings ausgenommen. Doch selbst diese Ausnahme ist heftig umstritten, denn eine grosse Studie amerikanischer Herz- und Kreislaufspezialisten und Internisten, die 2006 in der Medizinzeitschrift Lancet veröffentlicht wurde, räumt noch radikaler mit dem Mythos vom ungesunden Übergewicht auf. Die Experten hatten vierzig Forschungsarbeiten ausgewertet, die Daten von über 250 000 Patienten enthielten. Fazit: Übergewichtige sind nicht nur insgesamt gesünder, sondern sterben sogar seltener an Herz- und Kreislaufkrankheiten.
Für die zweite Lebenshälfte gilt: Je dicker ein Mensch ist, desto höher seine Lebenserwartung. Die Ursache dafür ist vermutlich, dass die Dicken im Krankheitsfall etwas zuzusetzen haben. Riskant ist dagegen Untergewicht. Wer dick und gesund ist, sollte sich besser nicht zu Diäten zwingen. Denn radikales Abnehmen erhöht das statistische Risiko, früher zu sterben, deutlich, so die Forschungsresultate des dänischen Epidemiologen Thorkild Sørensen.
Auch eine deutsch-schweizerische Studie an 1676 Herzpatienten, die im Sommer 2007 veröffentlicht wurde, bestätigt die verblüffenden Nachrichten aus Amerika und Dänemark. Ihr Ergebnis: Patienten mit normalem Körpergewicht weisen in den ersten drei Jahren nach einer Behandlung eine doppelt so hohe Sterblichkeitsrate auf wie Fettleibige.
Der BMI, das Mass aller Dinge
Rund ist gesund kann das wahr sein? Wenn sich die neuen medizinischen Erkenntnisse weiter erhärten, entfällt die Grundlage für Diätkampagnen, kalorienarme Schulspeisungen und behördliche Ernährungsratgeber. Ein bisschen mehr Skepsis hätte schon früher gutgetan, denn die Datenlage ist keinesfalls so klar, wie uns die Schlankheitsprediger weismachen. Grundlage aller Statistiken ist der BMI (Body-Mass-Index). Der BMI wird errechnet, indem man das Gewicht eines Menschen durch seine Grösse hoch zwei teilt. Ein BMI unter 19 bedeutet Untergewicht, der Normalbereich liegt zwischen 19 und 25, oberhalb dessen beginnt das Übergewicht. Doch der BMI ist nicht mehr als ein grober Richtwert, der den unterschiedlichen Körperbau der Menschen und die Verteilung der Kilos zwischen Muskulatur und Fett nicht berücksichtigt.
Aber das ist noch das geringste Problem. «Die Qualität der Daten über Massenverfettung lässt an vielen Stellen zu wünschen übrig», kritisiert der Lebensmittelchemiker und Bestsellerautor Udo Pollmer («Lexikon der populären Ernährungsirrtümer »). Auch das Robert-Koch-Institut kritisierte die ungenauen Befragungsmethoden bei der Ermittlung der deutschen Zahlen. Unter anderem wurde die grösstenteils schlanke Altersgruppen der 18- bis 24-Jährigen einfach weggelassen. Die Resultate einiger deutscher Bundesländer stellten sich im Nachhinein als unbrauchbar heraus, weil die Daten mit verschiedenen Methoden verrechnet wurden. Je nachdem schwankte der Anteil fettleibiger Kinder um bis zu acht Prozent. An manchen Orten wurden Kinder teilweise bekleidet und teilweise unbekleidet gewogen, gingen jedoch gleichwertig in die Statistik ein.
Mediziner der Universität München machten darauf aufmerksam, dass ein Teil der Verfettung westeuropäischer Gesellschaften eine Folge der Einwanderung ist. Menschen aus Südosteuropa, zum Beispiel der Türkei, haben im Durchschnitt einen anderen Körperbau und sind rundlicher. Viele türkische Kinder in den Schulen heben den statistischen BMI, ohne dass sich bei den restlichen Kindern etwas geändert hätte. Schon der Augenschein müsste skeptisch machen: In den USA und in Teilen Ostdeutschlands sieht man auffällig viele dicke Menschen im Strassenbild. In der Schweiz und im westlichen Deutschland hat sich dagegen wenig geändert abgesehen von moppeligen Migranten und ihren Kindern. Eine Adipositas-Epidemie sähe anders aus.
Hauptsache, schön dramatisch
Merkwürdig, dass die Angst vor zu vielen Dicken ausgerechnet in einer Zeit aufkommt, wo der Trend zur gesunden Ernährung unübersehbar ist. Der Fett- und Fleischkonsum im alten Europa sinkt, der Verbrauch von Obst und Gemüse steigt seit Jahren an. Auch das will nicht recht zur Verfettungsthese passen.
Wie bei vielen öffentlichen Erregungswellen ist es hilfreich, einmal die Zeitungen von gestern aus dem Archiv zu holen. So schrieb Bild der Wissenschaft 1976: «Von den Kleinkindern sind 17 Prozent der Jungen und 16 Prozent der Mädchen überernährt, im Schulalter ist bereits ein Viertel der Kinder zu dick.» Wie solche Zahlen zustande kommen, scheint niemanden zu interessieren, Hauptsache, sie klingen schön dramatisch.
Dabei ist noch nicht einmal gesichert, ob viel Essen und Bewegungsmangel tatsächlich dick machen. Natürlich klingt das sehr plausibel: Wer viel isst und keinen Sport treibt, wird dick. Diese Meinung hat sich unter Laien und Experten gleichermassen durchgesetzt bewiesen ist sie allerdings nicht. Im Gegenteil: Die Hinweise mehren sich, dass beim Fettansetzen ganz andere biologische Prozesse die Hauptrolle spielen.
Nach dem Stand der Forschung ist das Körpergewicht eines Menschen zu 50 bis 80 Prozent genetisch bedingt. Eine grosse Rolle scheint auch Stress zu spielen, und zwar in beide Richtungen: Dicke werden dicker, wenn sie unglücklich oder psychisch überlastet sind, Dünne dagegen dünner. Experimente mit Ratten haben gezeigt, dass zu wenig Schlaf dick macht. Das Gleiche ergab eine Studie mit menschlichen Probanden. Die Ursache ist vermutlich hormonell, denn Schlafmangel stört den Cortisolrhythmus.
«Die Rolle von Ernährung und Bewegung wird überschätzt», sagt Pollmer, «die Rolle der Hormone unterschätzt. Stresshormone und Sexualhormone steuern unser Gewicht.» Aus der Tiermast ist bekannt, dass der Bauer die Gewichtszunahme durch Hormongaben steigern kann. Die Tiere setzen dann mehr an, obwohl sie weniger fressen. Für den menschlichen Organismus ist es ein Leichtes, die Fetteinlagerung zu steuern, denn der Kalorienfresser Nummer eins ist unsere Körpertemperatur. Tiere ohne eigene Körpertemperatur, wie etwa Schlangen oder Krokodile, können deshalb monatelang hungern. Grottenolme, eine in Höhlen lebender Lurchart, schaffen es gar, zehn Jahre ohne Nahrung zu überleben.
Der menschliche Körper steuert seinen Wärmehaushalt sehr stark über die Durchblutung der Arme und Beine. Damit kann er jede Diät wirkungsvoll sabotieren. Kalorienfresser Nummer zwei nach der inneren Heizung ist das Gehirn. Denken und Fühlen kostet mehr Energie als die Betätigung der Muskulatur. Diese inneren Regelkreise des Organismus könnten die Erklärung sein, dass es bis heute keine Diät gibt, mit der man dauerhaft abnimmt. Wir versuchen unseren Körper auszutricksen, doch er trickst uns aus.
Hungrige Männer wählen rundliche Frauen
Die medizinische Debatte um das Phänomen Übergewicht ist längst noch nicht abgeschlossen, sie fängt erst an. Ästhetisch jedoch scheint die Sache eindeutig zu sein: Wer das andere Geschlecht beeindrucken will, sollte als Mann keinen runden Bauch und als Frau zusätzlich keinen dicken Po und schlanke Oberschenkel haben. Lediglich in Form von Busen gilt weibliches Körperfett als sexy. Und weil das angeblich so ist, sind fast alle erfolgreichen Filmschauspielerinnen superschlank, die Models in der Werbung dünn und die Mannequins auf den Laufstegen klapperdürr.
Der Wunsch abzunehmen ernährt milliardenschwere Industrien. «Wenn wir in einer Ausgabe keine neue Diät auf dem Titel bringen», sagt eine leitende Redaktorin eines grossen Frauenmagazins, «sinkt der Kioskverkauf sofort. » Man könne annehmen, dass die Frauen einem männlich dominierten Schönheitsideal nachjagen. Doch wenn man Versuchspersonen Fotos von Frauen vorlegt und sie nach Schönheit sortieren lässt, ergibt sich Erstaunliches: Männer wählen Bilder von Frauen aus, die rundlicher sind als die Models auf Titelblättern und in Werbespots. Sind die befragten Männer obendrein gerade hungrig, ist ihre Präferenz für gewichtige Frauen sogar noch ausgeprägter, wie ein britisches Psychologenteam herausfand.
Schaut man sich die Schönheitsideale von Naturvölkern an oder die unserer steinzeitlichen Vorfahren, wie etwa die Venus von Willendorf, stösst man auf Frauenbilder, die nach heutiger Bewertung als extrem fett gelten würden. Der Wunsch nach Schlankheit kann also keine anthropologische Konstante sein. Das einzige kultur- und epochenübergreifende Schönheitsideal ist die Eieruhrform, also eine Figur mit ausgeprägter Taille. Diese signalisiert, so die biologische Erklärung, egal ob in der schlanken oder der fülligen Version, eine Frau, die noch keine Kinder zur Welt brachte.
An den Männern liegt der Schlankheitskult also nicht. Beim Körpergewicht orientieren sich junge Frauen jedoch stark an weiblichen Vorbildern. So änderte sich der Begriff weiblicher Schönheit auf den Fidschi-Inseln, nachdem das Fernsehen eingeführt wurde. Vorher galten dort mollige Frauen als besonders reizvoll, danach bewunderten die Mädchen das europäisch-nordamerikanische Schlankheitsideal.
Die ästhetische Körpernorm scheint hauptsächlich sozial konstruiert zu sein. Gesundheitspolitische Kampagnen stützen sich auf zeitgeistige Schönheitsideale und soziale Vorbehalte. Wer dick ist, gilt als arm und dumm, davon möchte sich der karrierebewusste Aufsteiger aus der Mittelschicht absetzen. Angenehmerweise kann die Verachtung der disziplinlosen Dicken durch sozialpädagogischen Paternalismus bemäntelt werden: Man möchte ja nur den armen dicken Kindern helfen. «Die Anti-Dicken-Kampagne hat nur oberflächlich mit Medizin zu tun», schreibt der Wissenschaftsautor Thilo Spahl. «Sie ist in erster Linie ein Mittel der sozialen Abgrenzung, ein Mittel zur Selbstbestätigung der gehobenen Mittelschicht.»
Dieser pädagogische
Feldzug gegen die Dicken bleibt nicht ohne Opfer. Unverkrampft essen wird zur
Sünde, die sich mit der Angst vor Sexualität vermischt. Das Ergebnis
sind Magersucht, Ess-Brech-Sucht und Essstörungen aller Art, die seit einiger
Zeit auch bei männlichen Jugendlichen zunehmen. Neuste Variante: Orthorexia
nervosa das krankhaft übertriebene Verlangen, sich gesund zu ernähren.
Das Regiment der Diätgurus und Ernährungspädagoginnen ist nicht
so wohltuend, wie uns bunte Broschüren einreden. Etwas läuft schief,
wenn schon Fünfjährige Kalorien zählen, wenn schon im Kindergarten
Appetit nicht mehr als spontaner Impuls zugelassen wird und Essen nur noch als
kontrollierte Handlung stattfindet.