|
|


Von Nadja Pastega und David
Schaffner (Text) und Gian Paul Lozza (Fotos)
Pralle Schenkel, ein gewölbter Bauch: Michèle Breitenstein, amtierende «Miss Molly», ist stolz auf ihre Kilos. 85 sind es derzeit. Keines zu viel, wie sie findet: «Ich bin eine tolle Frau. Mit Ausstrah-lung und Charme.»
Den süssen Versuchungen des Lebens zu widerstehen ist nicht ihr Ding. «Auch wir Dicken haben ein Recht, das Leben zu geniessen», sagt die mollige Miss. Seit Abschluss ihrer Lehre als Matrosin steht die 20-Jährige hinter der Verkaufstheke in einer Bäckerei in Basel, umgeben von Crèmeschnitten und dänischen Plundern. «Jahrelang habe ich mich mit Diäten gequält - mir reichts.» Jeder müsse selber wissen, wie er aussehen wolle. «Wir brauchen niemanden, der uns überwacht.»
Genau das sieht man in den Berner Amtsstuben anders. Jetzt soll Schluss sein mit den überflüssigen Pfunden auf Hüften und Hintern. 37 Prozent der Schweizer seien zu dick, schlägt das Bundesamt für Gesundheit (BAG) Alarm. Mit einem national orchestrierten Abspeck- und Ertüchtigungsprogramm nehmen die Gesundheitsmissionare die Übergewichtigen ins Visier. Nach den Rauchern kommen die Dicken dran - Schlanksein wird zur Bürgerpflicht.
«Jedes Jahr gibt es 50 000 Übergewich-tige mehr», sagt BAG-Projektleiter Hans-Peter Roost: «Wir müssen handeln.» Die BAG-Beamten beugen sich derzeit über eine Anti-Fett-Charta der Weltgesund-heitsorganisation (WHO), die die Schweiz im November unterzeichnet hat. Daraus destillieren sie «eine nationale Strategie für Ernährung, Bewegung und Gesundheit». Im Januar schickt das BAG das Massnah-menpaket in die Vernehmlassung, in der zweiten Jahreshälfte soll der Bundesrat darüber entscheiden.
Mit dem WHO-Grundsatzpapier, auf das sich das BAG stützt, haben sich alle europäischen Gesundheitsminister auf einen Masterplan gegen Übergewicht geeinigt. Eine staatlich verordnete Abmage-rungskur mit diesen Ingredienzien: Mütter ernähren ihre Babys in den ersten Monaten nur mit Muttermilch, an den Schulen werden gratis Früchte verteilt, auf fetthaltige Lebensmittel erheben die Staaten zusätzliche Steuern, die Lebensmittelindustrie wird dazu verdonnert, auf Werbung für besonders fett- und zuckerhaltige Lebensmittel zu verzichten, Kampagnen für mehr Bewegung sollen TV-Junkies von der Glotze wegholen, und mit raumplanerischen Massnahmen will man die Menschen auf Trab bringen.
Das BAG spannt alle möglichen Stellen vor seinen Karren, um die Schweiz flä-chendeckend schlank zu trimmen. «Wir wollen mit Partnern von Bund, Kantonen, Gemeinden, NGOs, der Wissenschaft und der Privatwirtschaft erreichen, dass wirksame Massnahmen auf der Verhaltensebene getroffen werden», sagt Roost. Sein Ziel: Den Trend zum Breitenwachstum «in 10 bis 15 Jahren stoppen». Danach sollen die Schweizer wieder dünner werden.
Mit solchem Aktionismus importiert die Schweizer Gesundheitsbehörde einen Me-gatrend, der in den angelsächsischen Ländern seinen Anfang nahm. Die WHO hat Übergewicht zur «Epidemie» erklärt, auch der australische Senator Guy Barnett sieht eine Katastrophe aufziehen: «Fettsucht ist wie ein Tsunami. Sie rollt auf die Länder zu und wird das Gesundheitswesen überschwemmen.»
Zu den Vorreitern der Anti-Fett-Liga gehört das als liberal geltende Grossbritannien. Dort dürfen ab Februar im Umfeld von Kindersendungen keine TV-Spots für Hamburger und Schokoriegel mehr gezeigt werden. Für besseres Essen an den Schulkantinen macht die Regierung 280 Millionen Pfund (670 Millionen Franken) locker. Selbst Santa Claus kriegt sein Fett ab. In Schottland liess das Pharma-Unternehmen Sanofi-Aventis in Supermärkten 40 Santa-Claus-Figuren vermessen. Resultat: Alle seien zu dick, darum ein schlechtes Vorbild für Kinder, so der Pharma-Riese.
Dänemark hat den Anteil von Transfett-säuren (künstliche Fette) in den Lebensmitteln vor drei Jahren auf zwei Prozent beschränkt. Die US-Metropole New York zieht nach: Seit Ende 2006 dürfen Restau-rants kein Öl mehr verwenden, das Transfette enthält. In Singapur werden dicke Kinder ins Zwangsturnen geschickt, und China verbietet übergewichtigen Ausländern, Kinder zu adoptieren.
Da will die Schweiz nicht zurückstehen. Neben dem BAG surfen auch die Politiker auf der fetten Tsunami-Welle und rufen nach Geboten und Verboten. Der Aargauer EVP-Nationalrat Heiner Studer will wie in England TV-Werbung für unge-sunde Nahrung bei Kindersendungen verbieten. Die Bernerin Franziska Teuscher (Grüne) fordert, den Anteil von Transfetten zu drosseln. Sie hat das BAG hinter sich, das kürzlich ins gleiche Horn blies.
Kinder sollen zu Fuss gehen
Für Wirbel sorgte der Luzerner Gesundheitsdirektor Markus Dürr mit seiner Forderung, man solle den Eltern verbieten, ihre Sprösslinge im Auto zur Schule zu kutschieren. Beim Fahrverbot ist er inzwischen zurückgekrebst, dafür wartet der Hardliner mit anderen Verboten auf: «Die Schulen sollen auf dem Pausenplatz Handys verbieten, damit die Kinder wieder spielen.» Zudem will Dürr, dass Schulbusse künftig 500 Meter vor den Schulhäusern anhalten und die Kinder den Rest des Weges zu Fuss gehen.
Dabei ist strittig, wie viel Fett krank macht. Allenfalls eine Richtschnur liefert der Body-Mass-Index (BMI). Er berechnet sich nach der Formel: Gewicht durch das Quadrat der Körpergrösse. Wer einen Wert über 25 hat, gilt gemäss WHO als übergewichtig. Laut Werner Mang, Leiter der ästhetischen Chirurgie am Spital Appenzell, ist dieser Wert zu tief. Problematisch werde es erst bei einem BMI über 30. Grundsätzlich gelte als Faustregel: «Die Schallgrenze liegt bei 100 Kilo - ab dann verfetten die Gedärme.»
«Der BMI ist nur eine Annäherung», bestätigt Felix Gutzwiller, Leiter des Instituts für Präventivmedizin der Universität Zü-rich. «Es gibt keinen Schwellenwert, ab dem man automatisch krank wird.» Handlungsbedarf bestehe zum Beispiel dann, wenn der BMI in fünf Jahren von 25 auf 30 steige. Entscheidend sei zudem, wo der Körper Fett ansetze. «Schlecht ist eine zentrale Fettablagerung, der so genannte Bierbauch», sagt Gutzwiller. Eine Birnenform, die klassische Frauenfigur, sei weniger risikoreich. «Das hat mit der Wirkung der freien Fettsäuren im Stoffwechsel zu tun.»
Zwangsabmagern? Nein danke, sa- gen die Dicken. Den Schwergewichtigen stinkts, dass ihnen Beamte und Politiker zu Leib rücken wollen. «Schlank sein ist längst das Ideal», klagt Sängerin Nella Martinetti (109 Kilo). «Unnötig, dass man uns daran erinnert, dass wir nicht dem gängigen Bild von Schönheit und Gesundheit entsprechen.» Den Behörden sei offenbar nicht bewusst: «Abnehmen und hungern ist eine Tortur.»
Auch Ruth Adler (100 Kilo), die mit ihrem Mann Dominique (146 Kilo) die Website «Rund, na und?» betreibt, legt sich quer. Die staatliche Zwängerei sei kontraproduktiv, denn viele Übergewichtige würden aus Kummer essen: «Je mehr sie an ihr Übergewicht erinnert werden, desto mehr Trost brauchen sie und desto mehr essen sie.»
Seit Generationen mühen sich die Menschen ab, Fettbäuche und Speckgürtel wegzuhungern. Die wenigsten schaffen es. Warum ist dauerhaftes Abnehmen so schwer? «Der Körper hat sich in Hunderttausenden von Jahren an Nahrungsknappheit gewöhnt», sagt Mediziner Gutzwiller, «er ist darauf programmiert, Reserven anzulegen.» Um die Gene zu überlisten, würden Diäten meist nichts nützen: «Sie sind einseitig und oft lustfeindlich», sagt Gutzwiller: «Egal, ob man nur noch Bananen oder Eier isst - das hält keiner durch.» Um abzunehmen, brauche es eine langfristige Umstellung der Lebensgewohnheiten: «Man muss Energieaufnahme und Energieverbrauch in Einklang bringen.»
Mütter gehen auf die Barrikaden
Vanja Mrsa (157 Kilo) hat zwei Monate durchgehalten - dann brach er die Diät ab. Er verdrückt wieder 30 Pouletflügelchen, dazu einen Teller Pommes frites. «Weniger zu essen ist schwieriger als mit Rauchen aufzuhören», erklärt der 43-Jährige. Früher rauchte er vier Päckchen pro Tag. Die Glimmstängel hat er vor sieben Jahren weggelegt, doch das Bunkern von Kalorien bekommt er nicht in den Griff. «Ich esse vor allem nachts. Salami, Brot, Sandwiches, alles, was da ist», sagt Mrsa. Auch die Snacks, die er eigentlich für die Kinder gekauft hat. «Ohne Zigaretten kann man leben - ohne essen nicht.»
Dass selbst kollektiver Zwang zum Abnehmen nicht funktioniert, zeigen Beispiele aus dem Ausland. In England schwärmte der pausbäckige Starkoch Jamie Oliver vor zwei Jahren in Schulkantinen aus, kippte Frittiergut aus dem Speiseplan und kochte Gesundes. Aufgebrachte Mütter stiegen gegen die Zwangsernährung auf die Barrikaden. In der nordenglischen Stadt Rotherham postierten sie sich zur Mittagszeit vor dem Schulzaun und nahmen Bestellungen für Hambuger, Pommes frites und Cola auf. Die zweihundert Meter zwischen Schule und Burger-Stand legten die Frauen im Auto zurück. Auch bei den Schülern formiert sich Widerstand: Seit gemäss Olivers Rezepten in den Töpfen gerührt wird, melden 60 Prozent der Schulen einen Rückgang bei den Kantinenbesuchen.
Ähnlich schlechte Erfahrungen machte eine Oberstufenschule in den USA. Sie wollte die Übergewichtigen mit steuerlichen Massnahmen ködern. Während eines Jahres verteuerte die Schulkantine besonders zucker- und fetthaltige Speisen um zehn Prozent. Gleichzeitig verbilligte sie Gemüse und Früchte um 25 Prozent. Das magere Resultat: Der Anteil des Grünfutters am gesamten Umsatz erhöhte sich um nur 4 auf 13 Prozent.
Wer es sich leisten kann, legt sich zum Abnehmen lieber beim Schönheitschirurgen unters Messer. «Die Nachfrage nach Fettabsaugungen ist enorm», sagt Schönheitschirurg Werner Mang vom Spital Appenzell, «im letzten Jahr wurden in der Schweiz 20 000 Fettabsaugungen durchgeführt, jede fünfte an einem Mann.» Für das Straffen des Doppelkinns blättert man rund 3000 Franken hin, den Bauch abzusaugen kostet 8000 Franken.
Ob behördliche Zwängerei etwas bringt, stösst bei bürgerlichen Politikern auf Skepsis. «Staatliche Massnahmen behindern gerade das, was nötig wäre, nämlich mehr Selbstverantwortung», moniert der Aargauer FDP-Nationalrat Philipp Müller. «Je mehr der Staat die Menschen an der Hand nimmt, desto weniger lernen sie, auf sich selbst zu achten.» Ähnlich argumentiert der Zürcher SVP-Nationalrat Toni Bortoluzzi. «Präventions-Kampagnen erreichen meist nur jene Menschen, die sie gar nicht brauchen.»
Mit Planung Bürgern Beine machen
Das zeigen auch die Fakten. Beispiel Aids-Kampagne des BAG: Die Zahl der HIV-Infizierungen ist in den letzten drei Jahren zwar insgesamt rückläufig, doch die Zahl der Neuansteckungen unter homo- und bisexuellen Männern hat sich im gleichen Zeitraum fast verdoppelt.
Im Auftrag des BAG untersuchte ein externes Büro die Wirkung der Aids-Kam-pagne 2005. Resultat: «Drei von vier Kernzielgruppen wurden nicht optimal angesprochen.» Die Vorgabe des BAG, mit der Kampagne sowohl die unkonventionellen Milieus als auch die breite Bevölkerung zu erreichen, sei «ein Widerspruch». Kosten der Kampagne: 3 Millionen Franken.
Doch beim BAG regen sich keine grund- sätzlichen Zweifel. Neben Antifettkampagnen planen sie, die gesamte Raumplanung umzukrempeln, um den Bürgern Beine zu machen: Die Eidgenossen sollen wieder mehr zu Fuss gehen. Um den Plan zu verwirklichen, haben die Gesundheitsbeamten ihre Kollegen aus den Bundesämtern für Sport und für Raumentwicklung mobilisiert. «Gemeinsam wollen wir erreichen, dass Gemeinden mehr bewegungsfreundliche öffentliche Räume schaffen und so die Alltagsbewegung fördern», sagt Hans-Peter Roost vom BAG.
Ein Konzept liegt bereits vor, das «Gemeindesportanlagen-Konzept», wie es auf Beamtendeutsch heisst. Dieses sieht vor, dass die Gemeinden mit aufwändigen Um- fragen die Bewegungsbedürfnisse aller Einwohner ermitteln und dann handeln - falls noch Geld vorhanden ist.
Bremgarten im Kanton Bern war die erste Gemeinde, die das Konzept umsetzte. 70 000 Franken kostete allein der Bericht. Das Resultat: Es meldeten sich vor allem jene zu Wort, die sich schon vorher viel bewegten; die Mitglieder der Sportklubs. Sie reihten einen Luxuswunsch an den anderen: Vergrösserung des Fussball-platzes, Umbau des Volleyballfelds in ein Beachvolleyballfeld, die 3800-Seelen-Gemeinde soll eine Kunsteisbahn bauen und eine Paintball-Anlage betreiben. Die einzige Massnahme, die Bremgarten bis Ende 2006 umgesetzt hat: Sitzbänke im Dorfzentrum, damit sich die Einwohner auf Spaziergängen ausruhen können.
Noch absurder ist ein Beispiel aus Luzern. Dort lassen die Beamten eine Bahnunterführung bauen, damit die Menschen vom Quartier Baslerstrasse schneller ans Ufer der Reuss gelangen: Damit sich die Menschen mehr bewegen, verkürzen die Beamten den Weg. Ist das sinnvoll?
Ohnehin stellt sich die ordnungspolitische Frage: Darf der Staat sich darum kümmern, was die Bürger essen und wie viel sie wiegen? «Die Ernährung ist keine reine Privatsache», erklärt der Zürcher Staatsrechtsprofessor Andreas Kley, «über das Gesundheitssystem beteiligt sich der Staat an den Kosten, die Übergewichtige verursachen.» Um das Verhalten der Bürger zu ändern, brauche es finanzielle Anreize: «Man muss gesundes Verhalten belohnen und ungesundes bestrafen.»
Das Mittel dazu: abgestufte Krankenkassenprämien. Das Bundesamt für Gesundheit hat die Kosten von Übergewicht in der Schweiz im Jahr 2003 auf 2,7 Milliarden Franken berechnet. Darin enthalten sind die medizinischen Behandlungskosten für Folgekrankheiten wie Herz-Kreislauf-Störungen und indirekte Kosten, zum Beispiel Produktivitätsverlust wegen Arbeitsabwesenheit und Invalidität. Die medizinischen Kosten von 1 bis 1,6 Milliarden Franken entsprechen einem Anteil von 2,3 bis 3,5 Prozent der Gesamtausgaben des Schweizer Gesundheitswesens im selben Jahr.
Das Volk auf seiner Seite
Wer die Dicken mit höheren Krankenkassenprämien abstrafen will, hat das Volk auf seiner Seite. In einer Umfrage des Krankenkassenverbands Santésuisse befürwortete eine Mehrheit die Massnahme. Auch in einer Umfrage von FACTS sagen 65 Prozent der Befragten ja zu abgestuften Krankenkassenprämien (siehe Grafik Seite 15).
Voll fett ist derweil im solothurnischen Wöschnau angesagt. Dort will man den Dicken Lust statt Frust auftischen. Im Februar öffnet das Restaurant «Fat 'n' Happy» seine Tore. Geschäftsführer Goran Arnaut: «Das Essen soll ungesund sein und möglichst viele Kalorien enthalten.» Die Dessertkarte wird auf das Papiertischtuch gestempelt, und auf der Speisekarte im Zeitungsformat stehen XXL-Menüs mit Spare Ribs, Chicken Wings, 350 Gramm schweren Burgern und Cordons bleus, die mindestens ein halbes Kilo wiegen.
Bisher verlangt der Staat von Beizer Arnaut keine Lizenz vom BAG für seine Dickmacher-Kost. Wie lange noch?
Weitere Informationen
Berechnung der Lebenserwartung: www.gesundheit.ch
Tipps zum Abnehmen und Online-Ernährungstest der Schweizerischen Gesellschaft für Ernährung www.sge-ssn.ch/
Diäten - und was sie bewirken
Die gängigsten Methoden, wie man abnehmen kann.
Atkins-Diät nach Dr. Robert C. Atkins
Die Atkins-Diät ist die bekannteste der kohlenhydratreduzierten Diäten, («Low Carb»). Brot, Nudeln, Kartoffeln oder Reis sind verboten, stattdessen sind Fett und Eiweiss als Energielieferant (Fleisch, Fisch, Käse, Eier) in fast unbegrenzten Mengen erlaubt. Der Körper soll gezwungen werden, das körpereigene Fett zu verbrennen, um daraus Energie zu gewinnen. Dieser Prozess wird als Ketose bezeichnet.
Nachteil
Verstopfungen und unangenehmer Körpergeruch wegen der Ketose. Weil die einseitige Ernährung Nieren, Herz und Leber belastet, wird von einer lang- fristigen Anwendung abgeraten.
Fit-for-Fun-Diät
Dieses Programm ist auf Sport und Spass an der Bewegung ausgerichtet. Trendsportarten wie Nordic Walking werden ebenso berücksichtigt wie Wellness, Yoga und Entspannung. Auf dem Ernährungsplan befinden sich vor allem fettarme, kohlenhydratreiche Speisen. Weil man verhältnismässig viel essen darf, ist das Abnehmtempo eher gemächlich.
Nachteil
Für das ausführliche Bewegungsprogramm fehlt vielen Diätwilligen die Zeit oder die Motivation.
Mond-Diät/ Tierkreiszeichen-Diät
Gegessen wird abhängig von Mondphase und Tierkreiszeichen. Die Ernährung ist insgesamt fettreduziert und abwechslungsreich. Vollkornbrot, Milch und Milchprodukte, Obst und Gemüse stehen ganz oben auf dem Speiseplan. Auf Süsses soll verzichtet werden. Fleisch, Fisch und Eier sind höchstens ein- oder zweimal wöchentlich erlaubt. Das macht langsames, stetiges Abnehmen möglich.
Nachteil
Die angeblichen Einflüsse der Mondphasen auf den Abnehmerfolg sind reine Spekulation.
Montignac-Methode nach Michel Montignac
Montignac setzt auf Lebensmittel mit niedrigem glykämischem Index. Dieser gibt an, wie schnell ein Lebensmittel den Blutzuckerspiegel nach oben schnellen lässt. Einen hohen glykämischen Index haben vor allem süsse und stärkehaltige Speisen wie Zucker, Weissbrot, Kartoffeln oder Reis. Diese Le-bensmittel sind nach der Montignac-Metho-de verboten. Das Ziel ist ein niedriger Insu-linspiegel, damit Fett abgebaut werden kann. Sport ist bei dieser Diät zweitrangig.
Nachteil
Das Risiko besteht, dass man Kohlen- hydrate mit zu vielen tierischen Fetten kompensiert. Die Angaben für den glykämischen Index sind oft zweifelhaft. Zudem variiert dieser je nachdem, in welcher Kombination Lebensmittel gegessen werden.
Trennkost nach Howard Hay
Bei dieser Diät werden kohlenhydrathaltige Speisen (Obst, Ge-müse) und eiweisshaltige Speisen (Fleisch, Getreide, Käse) immer getrennt konsumiert. Der Speisezettel besteht zu 80 Prozent aus Obst, Gemüse und Rohkost, pro Tag sind höchstens 1000 Kalorien erlaubt. Da-durch wird der Körper gezwungen, Fettreserven abzubauen.
Nachteil
Wegen der niedrigen Kalorienzufuhr ist die Diät nur schwer durchzuhalten. Die Trennkost wurde als Heilmethode entwickelt, wobei nicht nur Eiweisse und Kohlenhydrate, son-dern auch «säurehaltige» und «basische» Speisen getrennt werden. Ziel soll sein, eine «Übersäuerung» des Kör-pers zu verhindern. Diese Theorie entbehrt jeglicher wissenschaft- licher Grundlage.
Weight Watchers
Das Weight-Watchers-Programm basiert auf Kalorienreduktion nach einem Punktsystem: Je nach Kalorien- oder Fettgehalt werden für einzelne Lebensmittel Punkte vergeben. Abhängig von Alter, Grösse, Ge-wicht und Geschlecht darf man täglich eine bestimmte Anzahl Punkte beziehen. Frauen kommen so auf 1200, Männer auf 1600 Kalorien täglich. Verbote für einzelne Lebensmittel gibt es nicht. In wöchentlichen Gruppentreffen können sich die Diätteilnehmer gegenseitig motivieren. Flankierend wird ein ausführliches Verhaltens- und Bewegungsprogramm geboten.
Nachteil
Selbsterfahrungsgruppen sind nicht jedermanns Sache. Zudem sind die Weight-Watchers-Produkte eher teuer.
«Wir werden verleitet,
mehr zu essen»
Heinrich von
Grünigen, früherer Programmleiter von DRS 1, präsidiert die Schweizerische
Adipositas Stiftung.
Er will Gesetze
gegen ungesunde Nahrungsmittel.
FACTS: Was tun, damit die Menschen wieder abnehmen?
Heinrich von Grünigen: Übergewicht ist ein grosses gesundheitliches Risiko, das ist den Menschen noch immer zu wenig bewusst. Es braucht daher dringend mehr Information und Aufklärung. Ich halte das Instrumentarium der WHO für richtig. Nur so können wir verhindern, dass die Epidemie der Fettsucht noch mehr Menschen erreicht.
FACTS: Verbote, Steuern und Kampagnen auf allen Kanälen. Löst das nicht vor allem Trotz aus?
Von Grünigen: Druck von oben ist eklig, das gebe ich zu. Tatsache aber ist: Viele Menschen haben Essgewohnheiten, die sie nicht hinterfragen. Sie können daher gar nicht selbstverantwortlich handeln. Sie greifen im Laden zu dem, was auf dem Regal steht, und wissen nicht, wie viel Zucker und Fett drin ist. Hinzu kommt, dass wir von Werbung für ungesundes Essen nur so eingedeckt werden. Fatal ist dies vor allem deshalb, weil sich die Menschen immer weniger bewegen. Es braucht gute Bewegungsangebote, auch für Personen, die keine Sportkanonen sind.
FACTS: Genügt es nicht, wenn die Lebensmittelindustrie tätig wird? Coop und Migros schauen schon heute, dass das Essen weniger ungesunde Transfette enthält.
Von Grünigen: Ich bin dem Markt gegenüber misstrauisch, er kann nicht alles regeln. Die Erfahrung zeigt: Wenn eine Firma grosse Portionen zu tiefen Preisen anbietet, hat sie Erfolg. Damit werden die Kunden verleitet, mehr zu essen. Ich fürchte, dass viele Leute tot sind, bevor die Industrie alle notwendigen Massnahmen ergriffen hat. Leider funktioniert auch der Staat sehr träge. Es geht zu lange, bis klare gesetzliche Regelungen kommen. «
Viele Menschen hinterfragen ihre Essgewohnheiten nicht.
Heinrich von Grünigen, Ex-Radiokadermann, 139 Kilo.
Bestimmte Fette meiden
Wer sich richtig ernähren will, muss beim Fett nicht nur auf die Menge, sondern auch auf die Art achten.
Tagesbedarf
70 bis 80 Gramm Fett braucht der Mensch pro Tag - als Energielieferant, als Träger von Schutz- und Baustoffen im Körper, als Vehikel für die lebenswichtigen Vitamine A, D oder K. Fette sind wie eine Grossfamilie: Es gibt gute und schlechte Mitglieder.
Schlechte Fette
Dazu zählen vor allem die langkettigen gesättigten Fettsäuren tierischer Herkunft. Solche LCT-Fette verbergen sich in Butter, Rahm, fetten Würsten wie Salami oder Cervelat, Torten, Pralinés, fettem Käse. LCT-Fette schmeicheln zwar unserem Gaumen, machen aber dick und gefährden die Gesundheit, denn sie erhöhen den Anteil von LDL, dem «schlechten» Cholesterin im Blut. Gemäss der Schweizerischen Gesellschaft für Ernährung sollte der Anteil der LCT-Fette nicht mehr als zehn Prozent der täglichen Kalorienzufuhr ausmachen.
Gute Fette
Dabei handelt es sich um ungesättigte Fettsäuren, die zum Beispiel in Oliven- oder Rapsöl vorkommen. Sie können einen zu hohen LDL-Cholesterinwert senken. Ihr Kalorienanteil sollte mindestens zehn Prozent betragen.
Essenzielle Fettsäuren
So werden die mehrfach ungesättigten Fettsäuren bezeichnet - «essenziell» deshalb, weil der Körper sie zwar braucht, aber nicht selber herstellen kann. Generell unterscheidet man zwei Klassen: Omega-3 und Omega-6. Für Omega-6 gilt das Prinzip: genügend, aber nicht zu viel. Stattdessen Omega-3-Fettsäuren bevorzugen. Omega-3-Fettsäuren gelten ohnehin als Powerfett schlechthin. Sie lagern in fettem Fisch wie Lachs, Makrele oder Hering, in Leinsamen, Rapsöl oder in bestimmten Mengen in Fleisch. Der Tagesbedarf liegt bei 1,5 bis 2,0 Gramm.
Transfette
Sie sind Besonders hinterhältig und daher unbedingt zu vermeiden. Transfettsäuren entstehen bei der industriellen Fetthärtung und lauern in Fastfood, Päcklisaucen, Pommes-Chips oder Pommes frites. Transfette erhöhen den LDL-Cholesterinspiegel, verschlechtern die Blutwerte und machen dicker als andere Fette, wie unlängst bewiesen wurde. Ernährungswissenschaftler mahnen deshalb, höchstens ein Prozent der Kalorien als Transfettsäuren aufzunehmen. Also nur eine Hand voll Chips pro Tag essen.
Irène Dietschi
Schlechte Fette: Sie sollten nicht mehr als zehn Prozent der täglichen
Kalorienzufuhr ausmachen.