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Lifestyle-Chemie für Pfundskerle
![]() Goldgrube Schlankheitspillen: Roche rechnet mit einem Umsatz von gut 700 Millionen Franken im Jahr Foto: Camera Press / Keystone |
Die Diätpille Xenical fördert den SchlankheitswahnVON BEA EMMENEGGER UND BIRGITTA WILLMANN Wie wenn die paar Kilo zuviel nicht schon genug nerven würden: Mit der neuen Schlankheitspille Xenical wird der Druck, rank, schlank und fit durchs Leben hüpfen zu müssen, verstärkt werden. Denn wo eine Pille ist, ist auch ein Weg. Prozac für die gute Laune, Viagra fürs Stehvermögen, Propecia für neuen Haarwuchs und jetzt auch noch Xenical für die schlanke Linie: Die Pharmaindustrie beglückt uns ständig mit sogenannten Lifestyle-Medikamenten, die auch das psychische Wohlbefinden steigern sollen. Und das hat Schub offenbar nötig - wie schon die Potenzpille Viagra wurde auch der Fettlöser Xenical in Schweizer Apotheken verkauft, bevor er zugelassen war. Darüber wundert sich die Psychologin Eva Jaeggi keineswegs. Sie hatte im Zusammenhang mit einer Ernährungsstudie Frauen in Berlin zu ihrem Gewicht befragt und festgestellt, dass sich vor allem Studentinnen als übergewichtig empfanden: "40 Prozent waren sehr besorgt über ihr Gewicht, 50 Prozent gaben an, dass sie immer wieder wegen ihres Gewichts kritisiert würden." Mit den neuen Schlankheitspillen - neben Xenical sind weitere, unterschiedlich wirkende Medikamente bereits auf dem Markt oder in Entwicklung - tut sich für solche Frauen ein weiterer Weg zur Wespentaille auf. Ein mühsamer allerdings. Xenical verspricht nicht, dass die Pfunde purzeln, sondern einzig eine Gewichtsreduktion von zirka 10 bis 15 Prozent in zwei Jahren. Dazu muss dreimal täglich jeweils zu den Mahlzeiten eine Kapsel geschluckt werden. Die Pille hemmt die Bildung des Enzyms Lipase, das die Fettaufnahme im Dünndarm regelt. Der Xenical-Wirkstoff Orlistat sorgt dafür, dass nur noch 70 Prozent der Nahrungsfette aufgenommen werden, die restlichen 30 Prozent werden unverdaut ausgeschieden. Das ist nicht gerade angenehm: Der Stuhl wird ölig und stinkt erbärmlich, ausserdem meldet er sich nicht immer rechtzeitig an. Verschrieben werden darf Xenical laut Hersteller Roche nur bei starkem Übergewicht, genauer von einem Körpermassenindex von 30 an. Die Kennzahl BMI (Body mass index) ergibt sich aus dem Gewicht, dividiert durch die Körpergrösse im Quadrat. Hierzulande haben laut der ersten schweizerischen Gesundheitsbefragung 38 Prozent der Männer und 22 Prozent der Frauen einen BMI von über 25, gelten also als übergewichtig. Von starkem Übergewicht spricht man von einem BMI von 28 an, was bei einer Körpergrösse von 1,70 Metern einem Gewicht von rund 82 Kilo entspricht. 70 Kilo, verteilt auf 1,70 Meter, sind noch knapp unter der Übergewichtsgrenze. |
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Anti-Fett-Pillenvon Nik Walter Xenical ist das erste in Europa zugelassene Medikament gegen Dickleibigkeit. Die "Wunder-Pille" von Roche mit dem Wirkstoff Orlistat hemmt die Aufnahme von Fett im Darm, indem sie die Wirkung des fettabbauenden Eiweisses Lipase beeinträchtigt. Unschöne Nebenwirkung: Der Stuhl wird dünner und kündigt sich öfters nicht an. Roche ist nicht alleine im Kampf gegen die
Fettsucht: Die Diätpillen versprechen Milliardengewinne. Weltweit werden Dutzende
Substanzen erprobt, einige sind noch im Laborstadium, andere stehen kurz vor der
Zulassung: |
| Sibutramin: | Unter dem Markennamen Meridia vertreibt Knoll Pharmaceuticals seit Ende 1997 in den USA eine Anti-Fett-Pille. Meridia steigert die Aktivität des Hirnbotenstoffs Serotonin und hemmt so den Appetit. Knoll erwartet noch dieses Jahr eine Zulassung in Europa. |
| Leptin: | Dieses Hormon wird von Fettzellen produziert und löst im Hirn ein Völlegefühl aus. Bei Mäusen wirkt Leptin Wunder, erste klinische Tests bei Menschen verliefen hingegen eher ernüchternd. Eine Zulassung dieses Gentech-Medikaments der Firma Amgen ist noch nicht in Sicht. |
| NPY-Hemmer: | Der Hirnbotenstoff NPY wirkt als natürlicher Appetitanreger. Die Pharmafirmen Pfizer, Neurogen, Bristol-Myers Squibb und Synaptic Pharmaceuticals entwickeln Substanzen, die NPY hemmen sollen. Erste klinische Tests haben begonnen. |
| Bromocriptin: | Im Mai dieses Jahres verweigerte die amerikanische Medikamentenbehörde FDA dem Hersteller Ergo Science die Zulassung für Bromocriptin als Diabetes-Medikament. In Zukunft will Ergo Science Bromocriptin auch als Fettsuchtpille anbieten. |
| Redux/Isomeride: | Im April 1996 löste die Zulassung der ersten Anti-Fett-Pille in den USA ein riesiges Medienecho aus. Doch nur 18 Monate später musste Redux-Hersteller Wyeth-Ayerst Laboratories seine Wunderpille wieder vom Markt nehmen. Grund: Redux kann die Funktion der Herzklappen massiv stören. Das gleiche Schicksal erlitt das mit Redux verwandte Medikament Fen-Phen. In der Schweiz wurden die Medikamente im Herbst 1997 ebenfalls zurückgezogen. |