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Sie zeigt sich nackt zwischen Früchten oder plaudert über ihren 22jährigen Lover - um im Gespräch zu bleiben, tut Nella Martinetti (52) fast alles.
Doch dahinter verbergen sich die ebenso dunklen wie überraschenden Seiten einer überaus sensiblen Frau. Dem «Brückenbauer» hat sie anvertraut, dass sie über telepathische Kräfte verfügt, einmal Marihuana probieren möchte und mit zwanzig beschlossen hat, berühmt zu werden, als ihr Freund einem Fernsehsternchen nachschaute.
An der Neugasse in Zürich, mitten im Rotlichtviertel, hat Nella Martinettis Karriere vor bald dreissig Jahren begonnen. Hier hatte sie ein winziges Zimmer mit ihrem damaligen Freund. Sie schliefen in einem Einzelbett und lebten von zwanzig Franken am Tag.
Heute kommt Nella Martinetti wieder regelmässig an die Neugasse - wegen der Pasta des Restaurants All'Angolo. Diese sei umwerfend, sie komme eigens dafür von Jona hierher.
Besonders die Tagliatelle mit Porcini, schwärmt sie, und Gastgeberin Menga Braghi kann die Speisekarte gleich wieder versorgen. Man kennt sich als Gast und Gastgeberin von früher, hat sich jedoch aus den Augen verloren und erst vor einem halben Jahr zufällig wieder gefunden.
Doch eigentlich gebe es keine Zufälle, korrigiert sich Nella Martinetti sofort; alles sei vorbestimmt. Dies hindert sie nicht daran, dem Schicksal auf die Sprünge zu helfen, wenn es sie vernachlässigt.
«Brückenbauer»: Wollten Sie schon als Kind eine berühmte Sängerin werden?
Nella Martinetti: Nein, ich wollte immer Ballerina werden, um den ganzen Tag tanzen zu können.
Erst mit zwanzig, als ein Fernsehsternchen nach Locarno kam und sich alle, auch mein Freund, nach der Dame umdrehten, wurde ich sehr eifersüchtig und dachte mir, so berühmt will ich auch werden.
Nach Ihren Erfolgen in den achtziger Jahren sind Sie von der Bildfläche verschwunden und erst vor rund zwei Jahren wieder aufgetaucht.
Allerdings machten Sie nicht mit künstlerischem Schaffen auf sich aufmerksam, sondern mit Ihrer Beziehung zu einem dreissig Jahre jüngeren Mann.
Das ist mir bewusst, und es macht mir nichts aus. Ich habe ein Leben lang gekämpft, um mich künstlerisch zu behaupten, doch den Zeitungen war ich höchstens mal eine Bildlegende wert.
Jetzt hingegen gehöre ich zur Prominenz. Ich, Kind armer Eltern, werde an die Anlässe der Noblen und Reichen eingeladen, und es erscheinen seitenlange Artikel über mich.
Aber nicht nur positive. Ihr Freund Claudio de Bartolo wird etwa verdächtigt, er wolle seine Schlagersängerkarriere durch die Verbindung mit Ihnen beschleunigen.
Das ist mir egal. Mir reicht es zu wissen, dass es nicht so ist. Wenn ich eine solche Geschichte läse, würde ich auch denken: Der will die alte «Gluggere» doch nur ausnützen. Profitiert hat er natürlich schon von mir.
Durch mich hat er wichtige Leute kennengelernt. Seine Platte hat er aber ganz allein gemacht. Und er hat auch mir geholfen. Denn ich steckte in meiner grössten Lebenskrise, als wir uns kennenlernten.
Gäbe es denn Neues über Ihre Arbeit zu berichten?
Aber sicher: Jetzt erscheint die Techno-Version von «Bella Musica», ab Oktober werde ich wieder jeden Sonntagabend im Alpen-Rock-House auftreten, es sind verschiedene Fernsehauftritte geplant.
Und im übrigen bin ich ständig am Texten und Komponieren. Auch möchte ich eine ganze Techno-CD aufnehmen - ich will es jetzt einfach nochmals wissen!
Aber ich nehme es nicht todernst, denn mittlerweile lache ich über mich, über die Gesellschaft und über die Medien. Aber ich weine auch.
War das vor 25 Jahren anders?
Ja. Damals hatte ich in Deutschland eine Schlagerkarriere begonnen und stieg wieder aus, weil es so hart war, obwohl ich hätte Erfolg haben können - nein, vergessen Sie das, denn es gibt kein «hätte» oder «wäre».
Jetzt versuche ich zumindest, es weniger ernst zu nehmen. Aber ich habe mir auch vorgenommen, kein Lampenfieber mehr zu haben, und trotzdem sterbe ich jedesmal fast, bevor ich auf die Bühne trete.
Aber Sie möchten um jeden Preis im Gespräch bleiben, sonst würden Sie wohl kaum halbnackt im «Blick» posieren.
Ich habe mich oft gefragt, weshalb ich so verrückte Sachen mache. Die Anwort ist: Weil mir nie jemand gesagt hat, dass ich hübsch bin.
Mit vierzehn fand ich mich so hässlich, dass ich ein Kopftuch trug und in Locarno nicht unter den Arkaden ging, sondern auf der gegenüberliegenden Strassenseite, damit mich nicht so viele Leute sähen.
Weil wir arm waren, trug ich alte Kleider und Schuhe mit Löchern, und ich war immer die Kleinste. Mitte zwanzig war ich ja hübsch, doch ich wusste es nicht, weil es mir nie jemand sagte.
Während meiner zwanzigjährigen Beziehung habe keine Komplimente bekommen. Erst jetzt habe ich mich von meinen Komplexen befreit.
Deshalb liessen Sie sich so fotografieren?
Nein. Ich war von Bodyshop-Kundinnen zur attraktivsten Schweizerin jenseits der Schönheitsnorm gewählt worden. Da wollte ich anderen molligen Frauen Mut machen, zu ihrem Körper zu stehen.
Denn ich weiss, was es bedeutet, dick zu werden. Bei mir hat es mit vierzig begonnen, mit der hormonellen Umstellung und der grössten Enttäuschung meines Lebens, als mich mein Partner verlassen hat. Er hat etwas in mir kapputtgemacht, fürs ganze Leben.
Ich träume immer noch, dass ich im gemeinsamen Haus am Aufräumen bin und es einfach nicht schaffe. Immer wieder kommt etwas zum Vorschein. Ich habe mit ihm zusammen alt werden wollen, habe mir vorgestellt, wie ich mit meinen Enkelkindern Torten backen würde ...
Als es plötzlich aus war, begann ich zuzunehmen. Vielleicht habe ich mir einen Panzer schaffen wollen. Heute bin ich zwar dick, doch endlich akzeptiere ich mich - natürlich nicht immer.
Ich träume regelmässig, dass ich dünn bin und schöne, taillenbetonte Kleider anprobiere.
Als Mitte der achtziger Jahre die persönliche Krise begann, war Ihre Karriere auf dem Höhepunkt. Haben Sie Dinge getan, die Sie heute bereuen?
Gewisse deutsche Lieder würde ich heute nicht mehr singen. Doch damals habe ich trotz der Depression weiterproduzieren müssen. Es ist immer schlimmer geworden. Ich habe mich verkrochen, den ganzen Tag lang geweint und sogar einen Selbstmordversuch gemacht.
Eine Ärztin und ein Freund haben mir geholfen. Sie haben mich geschüttelt, meine Seele geschüttelt. Und dann - es war kein Zufall - ist der Junge, Claudio, gekommen, und ich habe mich verliebt.
Diese drei Menschen haben mich gerettet. Als das erste gemeinsame Foto mit Claudio erschienen war, ging es plötzlich wieder los wie früher: Alle riefen an. Ich stellte mich vor den Spiegel und sagte laut: «Jetzt bin ich wieder da.»
Ich habe es richtig genossen. Doch jetzt merke ich, dass ich müde geworden bin. Ich lebe wieder nur für die Bühne, für Journalisten, Termine und kaufe schöne Kleider - für Auftritte statt für mich.
Glauben Sie an Vorsehung und übersinnliche Kräfte?
Meine ganze Familie väterlicherseits hat spezielle Kräfte. Bevor ich mein Haus in Jona fand, träumte ich immer von den Fabriken in Aathal.
Jetzt fahre ich auf dem Weg zu meinen Auftritten regelmässig an ihnen vorbei. Ich mache auch starke telepathische Erfahrungen mit Menschen, die mir nahestehen.
Wir alle, die auf der Bühne stehen, haben eine Prise Magie in uns. Sonst würde es uns nicht gelingen, so viele Menschen anzusprechen.
Nella Martinetti scheint zu erleben, wovon die Schlager erzählen. Nur alles ein bisschen heftiger und überdrehter. Selbst wenn man sich von ihren Worten nicht hypnotisieren lassen will, kann man sich ihr kaum entziehen, denn sie spricht mit dem ganzen Körper.
Wie versteinert wirkt sie, wenn sie von ihrer Krise spricht, ihr Blick wendet sich nach innen, und ihre Stimme wird monoton. Einen Moment später fährt wieder Leben in sie, als sie entdeckt, dass nebenan frischer Trüffel gerieben wird: «Das bestelle ich nächstes Mal.»
Als sie dann auf ihre Kindheit zu sprechen kommt, wird sie ganz zur Entertainerin, bringt mit ihren Gesten und Faxen selbst den Nebentisch zum Schmunzeln. Und dann - ganz blauer Engel - zieht sie lasziv an einer Zigarette mit Goldstreifen und bedauert mit Unschuldsmiene, den Rauch nicht inhalieren zu können: «Dabei würde ich so gern einmal dieses Marihuana probieren.»
- Spielt sie nun eine alte Platte ab oder erzählt sie, was sie wirklich bewegt? Die Grenzen zwischen Spiel und Ernst zerfliessen.
Innert Minuten verklärt und verdammt sie ihre Vergangenheit, sonnt sich in der Rolle der tragischen Diva und ist gleichzeitig der fröhliche Star zum Anfassen, erschafft sich laufend neue Identitäten, die sie im nächsten Augenblick selbst demontiert.
Wie eine Beschwörungsformel wiederholt sie: «Es gibt kein Ðich wäreð, es gibt nur Ðich war, ich bin und ich werde seinð.»
Wie hat Ihre musikalische Karriere begonnen?
Mein Bruder und ich haben Beatles-Songs gespielt. Ich auf der elektrischen Gitarre und er mit zwei Löffeln auf einem Blech, weil er kein richtiges Schlagzeug gehabt hat.
Nach einem Auftritt am Dorffest von Brissago sind wir vom Ristorante Flamingo engagiert worden und haben da alle paar Abende bis in die Nacht hinein gespielt, und die Leute haben reklamiert.
Ich bin sowieso aufgefallen: Mit fünfzehn spielte ich am Sonntagabend in der Messe Orgel, und dann zog ich die Schuhe aus und ging straks auf den Tanzboden.
Die Leute waren entsetzt, weil ich gleichzeitig das Engelchen in der Kirche und der tanzende Teufel war. Aber für mich war es kein Widerspruch.
Damals verabscheute ich Volksmusik, weil ich modern sein wollte. Erst als ich vom Deutschschweizer Fernsehen dafür engagiert wurde, begann ich die Tessiner Lieder zu singen.
Und zwischendurch haben Sie einen bürgerlichen Beruf gelernt.
Ja, ich war drei Jahre lang Kindergärtnerin, und wenn ich nochmals wählen könnte, würde ich vielleicht Kindergärtnerin bleiben, aber eben - es gibt kein «würde».
Und im Grunde habe ich dort genau dasselbe getan wie jetzt auf der Bühne: zum Mitmachen animiert.
Aber auch dort war ich wieder Engel und Teufel zugleich: Einerseits brave Kindergärtnerin und Organistin und anderseits hatte ich viele Flirts und ging soviel wie möglich tanzen.
Gehört die melancholische Seite der Nella Martinetti zum Teufel oder zum Engel?
Ganz klar zum Engel. Als ich zwanzig war, musste mein Vater monatelang ins Spital, und ich sang jeden Abend tieftraurige Lieder, bis meine Mutter sagte, sie halte es nicht mehr aus.
Diesen Sommer habe ich in Brissago ein Lied für meinen verstorbenen Vater gesungen, und meine Angehörigen haben geweint.
- Jetzt kriege ich Gänsehaut - das ist der Engel Nella. Er ist stärker als der Teufel, doch meistens verstehen sich die beiden gut.
Hat der Teufel oder der Engel für den «Blick» posieren wollen?
Beim ersten Bild mit dem Tuch ist es der Engel gewesen, denn die Motive sind edel. Das CD-Cover mit den Früchten hingegen hat der Teufel machen wollen - ich habe mich kapputtgelacht.
Bei der nächsten Nacktaufnahme posiere ich mit lauter Salami und Coppawürsten ...
«Das Interview ist beendet», sagt Nella Martinetti plötzlich. Sie habe nun genügend Dinge erzählt, die sie zuvor noch nie gesagt habe.
- Die Abgrenzung kommt so abrupt, dass ich einen Moment sprachlos bin. Sie spürt es sofort und schwächt ab: «Fragen Sie nur, was Sie noch wissen wollen.» Wo sie ihre Entspannung findet? Beim Telefonieren oder Sugokochen. Die eigene Modelinie? Hat kein Glück gebracht. Weshalb sie in Jona wohnt? Weil es ein bisschen aussieht wie Brissago.
Die verbliebenen Fragen starren schwarz vom weissen Papier, eine erscheint belangloser als die andere. Lassen wir's.
Sie fährt mich zur Tramhaltestelle. Beim Rotlicht blickt sie mich von der Seite an und sagt unvermittelt: «Sie haben das ganze Leben noch vor sich - ist das nicht erschreckend?»
Interview Lisa Ibscher
Nella Martinetti
Bürgerlicher Name: Nella Martinetti
Geburtstag: 21.Januar 1946
Herkunft: Brissago TI
Wohnort: Jona SG
Zivilstand: Ledig, aber verliebt
Lieblingsband: Tower of Power
Lieblingsblumen: Mimosen
Lieblingsfilm: «Ladri di biciclette»
Die Höhepunkte
1981/1983: Nella Martinettis Lieder «Io senza te» (Peter, Sue & Marc 1981) und «Io così non ci sto» (Mariella Farré 1983) sind erfolgreich am Grand Prix Eurovision de la Chanson.
1986: Sieg als Komponistin, Texterin und Interpretin von Nella Martinetti beim ersten «Grand Prix der Volksmusik» mit «Bella Musica», das in der Folge über zwei Millionen Mal verkauft wird.
1988: Céline Dion gewinnt den Grand Prix Eurovision mit «Ne partez pas sans moi». Der Text stammt von Nella Martinetti.
1988/1994: Nella Martinetti tourt durch die Schweiz, Deutschland und Österreich.
1997/1998: Nella Martinetti präsentiert eine Talk-Show von Heier Lämmler im Alpen-Rock-House, Kloten.
Die neue CD
Nur mit Früchten bedeckt präsentiert sich Nella Martinetti auf ihrer neuen CD. Darauf sind vier Techno-Versionen ihres Ohrwurms «Bella Musica» (1986), der auch als Dance-Nummer Hitpotential hat.
«Ay ay ay - Bella Nella» (Max Music 980901-2) ist in allen Ex-Libris-Filialen und in anderen Plattenläden erhältlich.
ib.