Abmagerungspillen 20.09.99

Bald um vier Milliarden schlanker?

Abmagerungspillen US-Pharmakonzern vor Vergleich wegen Gesundheitsschäden

Der US-Pharmakonzern American Home Products (AHP) soll kurz vor dem Abschluss eines Vergleichs stehen, der Schadenersatzklagen wegen gesundheitsschädlicher Abmagerungspillen erledigen soll und den Konzern zirka vier Milliarden Dollar kosten dürfte.

Luzian Caspar, Washington

Laut US-Presseberichten hat sich AHP mit den Anwälten, die die Kläger vertreten, auf einen Plan geeinigt, der einer Gruppe von Klägern (solche, die bereits gesundheitliche Schäden erlitten haben) 2,8 Mrd. Dollar auszahlen will, und einer anderen Gruppe (Patienten, die noch keine Symptome haben) weitere 1,2 Milliarden. Je nach Schwere des Falles sollen die einzelnen Kläger zwischen 125 000 und 1,5 Millionen Dollar erhalten. Die Höhe der Auszahlung hängt auch vom Alter ab.

Hintergrund der Klagen ist "fen-phen", die berüchtigte Abmagerungspille, die vor ein paar Jahren in den USA Furore machte. Es handelte sich um einen "Cocktail" von zwei Medikamenten, die ursprünglich für andere Zwecke entwickelt worden waren, aber dann von immer mehr Ärzten zum Abmagern verschrieben wurden. AHP stellte nur die eine Hälfte des Cocktails her - den "fen"-Teil -, aber die Schadenersatzklagen, die seit 1997 lanciert worden sind, richten sich fast alle gegen AHP, vermutlich weil der Grosskonzern Geld hat. Im Jahr 1997 entdeckte die Mayo-Klinik, dass das Medikament bei vielen Patienten die Herzklappen angriff. "fen-phen"-Benützer scheinen auch anfällig auf Hirnschäden sowie das PPH-Syndrom, eine u. U. tödliche Lungenkrankheit.

Vom Geheimtip zum Debakel

Pikanterweise war es eine von den "National Institutes of Health" finanzierte Studie der Rochester-Universität gewesen, die erstmals aufgezeigt hatte, dass "fen-phen" abmagern hilft. Das Medikament wirkt auf das Gehirn und unterdrückt dort den Hungerinstinkt (anders als das Roche-Medikament "Xenical", das im Magen wirkt). Nach dem Erscheinen der Studie im Jahr 1992 wurde "fen-phen" rasch zu einem Geheimtip und dann zu einem Massenphänomen. Rund sechs Millionen Amerikaner sollen über kürzere oder längere Zeit das Medikament eingenommen haben. Überall im Land schossen Abmagerungskliniken aus dem Boden, die praktisch nur dazu dienten, "fen-phen" zu verschreiben. Viele Ärzte, die solche Kliniken gründeten, wurden in kürzester Zeit Multimillionäre.

Die US-Gesundheitsbehörde FDA (Food and Drug Administration) hatte den "Cocktail" nicht ausdrücklich bewilligt, aber die einzelnen Bestandteile waren immerhin behördlich zugelassen, darunter "Pondimin" von AHP. Im April 1996 bewilligte die FDA ein neues AHP-Produkt, "Redux", das patentgeschützt war, anders als das bereits seit Jahren erhältliche "Pondimin". "Redux" wurde innert kürzester Zeit zum Marktrenner; das Medikament verzeichnete eine der besten Marktlancierungen in der Geschichte der Pharmaindustrie Ein Brokerhaus prophezeite dem teuren Neu-Medikament einen Jahresumsatz von einer Milliarde Dollar. Aber dann kamen die Meldungen über Herzklappen- und Hirnschäden. Im September 1997 zog AHP beide Medikamente auf Drängen der FDA aus dem Verkehr. Die FDA untersucht jetzt, ob bei der Marktzulassung von "Redux" im Jahr 1996 Angestellte von AHP oder Beamte der FDA selbst gegen die Regeln verstiessen. Inzwischen schlägt sich AHP mit den Anwälten herum. Im Sommer sackten die AHP-Aktien um mehr als 35% ab, nachdem ein Gericht in Texas einer Frau, die nur relativ geringe Gesundheitsschäden erlitten hatte, Schadenersatz von 23 Mio. Dollar zugesprochen hatte. Inzwischen hat sich jedoch der Anwalt der Frau mit AHP auf einen Vergleich im Wert von zirka einem Zehntel dieser Summe geeinigt, weil er damit rechnen musste, dass das Urteil des Geschworenengerichts von höheren Gerichten korrigiert werden würde. Befürchtungen an Wallstreet, wonach die ganze Angelegenheit AHP zehn oder sogar 15 Mrd. Dollar kosten könnte, haben sich inzwischen ein Stück weit gelegt. Dennoch dürfte AHP noch jahrelang vom Rechtsstreit belastet bleiben. Die "fen-phen"-Hypothek war einer der Gründe, weshalb Versuche von AHP, mit einem anderen Pharmakonzern zu fusionieren, in den letzten zwei Jahren wiederholt scheiterten.