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Fattening
house im Niger und Cross River Becken unter Igbos und Ibibios
Einleitung:
The Fattening House (ich werde es übersetzen mit dem Wort: Masthaus,
obwohl der Ausdruck "Fett-Füttern" näher dem einheimischen
Wort käme), relativ gut dokumentiert und belegt, wird von heutigen
Forschern, wenn auch nicht negiert, so doch wegdiskutiert, als wäre
es eine unangenehme Erinnerung (siehe dazu Joseph Thérese Agbasiere
"Women in Igbo life and thought, erschienen 2000).
Ältere Ethnologen (G.T.Basden, P.A.Talbot) dagegen beschreiben im
grossen Detail was vor und nach dem Aufenthalt der angehenden Frauen im
Fattening House geschah. Aber auch hier betroffene Zurückhaltung
über den Aufenthalt im Masthaus selbst.
Ich erinnere mich, dass in den Sechziger Jahren noch die Schulfibeln und
die sogenannten Reader (Ausschnitte aus zeitgemässer Literatur immer
wieder Hinweise auf das Fattening House gaben, oder dass Männer um
eine Kalebasse Palmwein hin und wieder Witze daüber machten, Witze
die jedoch ans Obzöne grenzten. Dies ist für mich der Beweis,
dass das Fattening House damals noch eine Realität war, auch wenn
es für manche Stämme mehr eine Mast-Prozedur war. Wie auch immer,
das Beispiel aus Ost Nigerien (Eastern Nigeria bis 1967) belehrt uns über
die kulturelle Relativität der Schönheitsideale.
Die Hochachtung
der Ehe:
Die Ehe-Institution in Ost-Nigerien war sehr hoch respektiert, besonders
bei den Ibibios und Igbos (auch wird die Schreibweise Ibos gebraucht).
Dass man darum grosse und genaue Vorbereitungen für den Ehestand
traf, kann nicht verwundern. Dazu gehörte auch das Fett-Füttern
der Mädchen (Ich sage extra Mädchen, denn sie wurden bereits
sehr früh verlobt, und erst nach einer Vorbereitungszeit, die auch
einen Mästungsprozess und die Entlassung aus dem Fattening House-Ceremony
einbegriff, siedelten sie in die Familie des zukünftigen Ehegatten
über)
Das Masthaus:
Das Fattening-House, war eine abgelegene Siedlung der Dorfgemeinschaft,
in der man die heiratsfähigen Töchter wortwörtlich festsetzte.
Dort wurden sie in ihre Aufgabe als zukünftige Ehefrau und Mutter
eingeführt (initiert).Oft waren sie nicht älter als 13-14 Jahre!
Ältere besonders fähige Frauen kontrollierten den Tagesablauf,
schauten, daß die ihnen anvertrauten Mädchen immer reichlich
zu Essen bekamen, sich waschen konnten und sich täglich mit Palmnußöl
die Haut einrieben. Anderweitig hatten die angehenden Frauen keine Aufgaben
oder Arbeit zu tätigen. Bewegung war auf eine Minimum reduziert.
So wurden sie regelrecht verwöhnt und aufgepäppelt. Die Mädchen
wußten, was man von ihnen erwartete, und versuchten ihrerseits diesen
Prozess zu unterstützen so gut es ging.
1)genießen
2)sich pflegen
3)ausruhen
waren die drei Regeln.
Nur wenn die Nacht einbrach, durften sie die Palmzweighütten verlassen
und vor dem Haus etwas frische Luft atmen. Niemand sollte die zukünftigen
Bräute vor der offiziellen Parade sehen.
Die reichliche und üppige Kost, sowie die Beschränkung aller
Bewegung liessen einige übermässsig fett werden, während
andere zu volleren Formen fanden, die man nach Igbo- oder Ibibio-Standard
als notwendig erachtete um einem Haushalt mit seinen Pflichten zu führen.
Entlassungsfeier
aus dem Masthaus:
Die "Post-Fattening-Ceremonies", also die Feierlichkeiten nach
der Mastkur, waren besonders unter den Ibibios sehr wichtig.
Mehrere Rituale wurden nach dem Mästungsprozess beachtet und gefeiert.
Zuerst gab es eine öffentliche Feierlichkeit, bei der alle Mädchen,
die bald in die Ehe eintreten würden, auf dem Dorfplatz versammelt
wurden. (Dies betraf sowohl die gemästeten wie auch jene, die nicht
an der Mastkur teilgenommen hatten.) Dort wurden sie von maskierten Mitgliedern
der Geheimgesellschaft begutachtet. Schätzten sie das Mädchen
als fett, schön-aussehend und rundlich ein, dann gaben sie ihm ein
Stück weisse Kreide. Ihr Aussehen legte man so aus, dass ihre Eltern
und zukünftige Gatten reich, umsorgend und fürsorgend seien.
Auf der Gegenseite bekamen Mädchen, die knöchrig und verklemmt
aussahen, ein Stück Holzkohle. Dieses legte man als Vorwurf gegen
ihre Eltern und zukünftige Ehemänner aus, die als sehr nachlässig
oder arm angesehen wurden. Dabei überschüttete man die erste
Gruppe, also die fett-aussehenden, mit reichlich Lob, während die
Letzteren, also die Dünnen, durch Lieder lächerlich gemacht
wurden.
Das zweite Ritual, ein Sing-Spiel, fand einige Wochen später, ebenfalls
auf dem Dorfplatz statt. Wieder beklatschte man öffentlich all die
aufgepäppelten Mädchen. Unter vielen Gesängen, Tanzen und
Gewehrsalven überwarf man sie, wie auch ihre Eltern, überreichlich
mit Geschenken.
Der Höhepunkt kam, wenn alle genudelten Mädchen (also nur die
fett-gefütterten) vom Dorfplatz zum Marktplatz geführt wurden,
wo die zukünftigen Ehemänner die Fattening-Ceremonv, also die
Mastprozedur, zu einem Ende zu bringen hatten.. (Dazu muss man wissen,
dass die Männer für ein von ihnen begehrtes Mädchen, deren
Eltern schon in frühen Jahren vor der Mastprozedur einen Brautpreis
zahlen mußten. Obwohl dies von Europäern oft als Kauf angesehen
wurde, wird der Wegzug des Mädchens, also eines Familienmitglieds,
als ein Verlust angesehen. Dieser Verlust muß kompensiert werden,
da sie ja nun in den Dienst einer anderen Familie wechselt.)
Der ethnologisch interessierte Dr. Robb beschrieb dieses Ende der Mastkur
so: "Es war ein großer Tag im Ibibio-Land. Für einige
Monate hatte man die heiratsfähigen Mädchen genudelt und gefüttert.
Nun, an diesem Tag entläßt man sie aus dem Masthaus und führt
sie auf den Marktplatz. Dort vor dem versammelten Dorf zeigen die angehenden
Frauen, alle mit Messingbändern dekoriert, ihren Charme. Stundenlang
ziehen sie dann, unter großem Applaus, um den Marktplatz.
Die Mädchen und ihre Eltern erhalten erneut Geschenke der zukünftigen
Ehemänner und ihrer Freunde. Diese Geschenke ermöglichen es
Eltern die bedeutenden Kosten, die die Mastprodzedur im Fattening House
forderte, einigermassen zu kompensieren. Danach erst zogen die Mädchen
in das Haus des Ehemanns um."
Implikationen des
Brautpreises:
Der hier beschriebene lange hingezogene Bezahlungprozess, zudem auch die
Mastkur zählt, erklärt sich durch den hohen Brautpreis, den
der Bräutigam aufzubringen hatte. Das bedeutet: Selbst das Fett-Füttern
seiner zukünftigen Frau finanziert er mit. Dieser Vergütungsverlauf,
der zu einer Ibibio-Hochzeit führte, wirkte ganz klar in ehelichen
Beziehungen als ein Festigungsfaktor und ermöglichte stabile Ehen.
Abschluss:
Die langsame Aufgabe der Masthäuser in den östlichen Regionen
Nigeriens geht Hand in Hand mit immer labiler werdenden Ehen. Ob darin
ein Zusammenhang besteht, könnte nur eine wissenschaftliche Studie
erbringen.
Ruedi Stumpf
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