Medikamente


Scharmützel gegen das Fett

Pharmakonzerne forschen mit Hochdruck nach neuen Schlankmachern. Doch Experten warnen vor schwer kalkulierbaren Gesundheitsrisiken beim profitablen Geschäft mit den Fettkillern.

Von Gaby Schweizer

FACTS-Artikel
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Schlankmacher und ihre Wirkung

Der Mensch verliert die Taille. Seine in Jahrtausenden gestählte und bewährte Figur verschwindet hinter Wülsten von Fett. Seit den siebziger Jahren hat er im Schnitt jährlich zweieinhalb Kilogramm Gewicht zugelegt. In der Schweiz schleppt einer von drei Erwachsenen zu viel Gewicht mit sich herum. Jeder zehnte erwachsene Europäer hat die Schwelle zur krankhaften Fettleibigkeit, Adipositas genannt, überschritten. Herumhocken und üppige Kost sind laut Experten die wichtigsten Ursachen für das Übergewicht und die sich epidemisch ausbreitende Fettsucht. In ihrem Gefolge verbreiten sich Zivilisationskrankheiten wie Diabetes, Herzprobleme, Bluthochdruck, Gallensteine oder Krebs.

Die Pharmaindustrie hat der Verformung des Homo sapiens den Kampf angesagt. Angesichts der Profitaussichten im Geschäft mit der schlanken Linie wird mit Hochdruck darauf hingearbeitet, die Ess gelüste der übersättigten Gesellschaft zu regulieren. Primäres Zielpublikum sind die krankhaft Fetten, die einen Body Mass Index von über dreissig aufweisen. Rund zwanzig der grössten Pharmaunternehmen stecken ihre Forschungsgelder in die Entwicklung neuer Abmagerungspillen. In der Schweiz stehen dreissig verschiedene Appetitzügler in den Regalen der Apotheken. Noch in diesem Jahr soll die mit über einer halben Milliarde Franken entwickelte Abspeckpille Xenical des Pharmamultis Roche auf den Markt kommen. Der Gewinn ist dem Multi sicher, die gepolsterte Gesellschaft sehnt sich nach neuen Abmagerungsverfahren. "Das Bedürfnis ist da, und die Industrie folgt dem Bedürfnis", meint Ulrich Keller, Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Ernährungsforschung und Professor am Basler Kantonsspital.

Doch die Chemiemixturen werden den Menschen nicht wieder schlank machen. Studien zeigen: Die Pillen aus den Labors der Pharmaindustrie verringern das Körpergewicht eines zentnerschweren Menschen nur um einige Kilo - vorausgesetzt, er befolgt dabei eine eiserne Diät und hält seinen Körper auf Trab.

Die Diät in Tablettenform birgt auch Risiken. Mit zunehmender Besorgnis registrieren die Fachleute Alarmmeldungen über die chemischen Fettkiller - wie viele noch unentdeckte Nebenwirkungen das tägliche und monatelange Schlucken mit sich bringt, ist offen.

Der angepeilte Markt ist riesig. Mehr als dreissig Milliarden Dollar geben US-Amerikanerinnen und Amerikaner pro Jahr für Schlankheitsmittel undAbmagerungskuren aus. Nicht nur Fettsüchtige werden sich mit den Kilovernichtern aus der Pharmaretorte eindecken. Denn obwohl Firmen und Zulassungsbehörden betonen, die Pille sei nur für Kranke gedacht, verschreiben heute Ärzte in amerikanischen Diätzentren die Schlankmacher Menschen, die nur wenige Kilo abnehmen möchten. "Es gibt Fälle, wo die Leute nach einer Fünf-Minuten-Untersuchung auf die Pille gesetzt werden", ärgert sich Diätspezialist Wayne Callawy von der Universität Washington.

Verbreiteter Missbrauch der rezeptpflichtigen Abmagerungsmedikamente, das zeigen die Erfahrungen in den Vereinigten Staaten, wird auch in Europa kaum zu verhindern sein. Es kostet weniger Schweiss, den Körper mit der chemischen Keule schlank zu prügeln, anstatt jedes Pfund mit den Pedalen wegzutreten. "Nur ein Bruchteil jener Leute, die abnehmen wollen, bewegen sich auch", schrieb das medizinische Fachblatt "Jama" im Juni.

Das Geschäft mit dem Kampf gegen die Pfunde lohnt sich noch aus einem anderen Grund: Schlagkräftige Mittel, die den Fettpolstern wirksam zu Leibe rücken, müssten über Jahre eingenommen werden, meinen manche Forscher. Denn nur so könne das Gewicht auf Dauer niedrig gehalten werden. Für die Pharmaindustrie lohnende Aussichten: "Die Behandlung von Fettleibigkeit", schreibt die englische Bank NatWest Securities in einer Analyse über die finanzielle Zukunft von Schlankheitspillen, "wird zum Standard werden, wie es heute die Langzeitbehandlung von Bluthochdruck ist."

Doch das weltweite und kostspielige Abmagerungsexperiment gleicht weithin einem Schuss ins Blaue: Die Forschung kennt erst Bruchstücke des Regelwerkes, das unsere Körperausmasse steuert. Im weltweiten Kampf gegen die überflüssigen und krank machenden Pfunde, befürchten Experten, werden die Pharmamultis enorme Gewinne einstreichen, aber wenig zur Abmagerung der Dicken beitragen. Zwar ist bekannt, dass unzählige Reaktionsketten zwischen Gehirn, Verdauungstrakt, Muskel- und Fettgewebe das Gewicht einigermassen stabil halten. Doch wie sie im Detail funktionieren, darüber herrscht weitgehend Unklarheit. Forscher haben bei Labormäusen einige Gene entdeckt, die im defekten Zustand fett machen. Beim Menschen jedoch konnten erst zwei Dickmachergene entlarvt werden.

Laufend verkünden wissenschaftliche Blätter neue Erkenntnisse - und werfen alte über den Haufen. Erst vor wenigen Wochen wurde die viel gepredigte Theorie, eine Störung des Adrenalinspiegels verursache Fettleibigkeit, ins Reich der Irrtümer verbannt. Anfang dieses Jahres überraschten Wissenschaftler der Oregon Health Science University die Fachwelt mit der Nachricht, das Hormon Melanocortin führe ein bislang unbekanntes Doppelleben: Melanocortin, das für die Farbe von Augen und Haaren zuständig ist, wirke gleichzeitig im Gehirn als Appetitzügler.

In diesem Tummelfeld der Hypothesen und Unsicherheiten mutet der Versuch, mit Pillen das Gewicht zu reduzieren, verwegen an. Die Regulierung eines biologischen Systems, das man erst in Ansätzen kennt, ist dennoch das Ziel der Pharmamultis - und der Wunsch vieler Fettsüchtiger. "Im Gegensatz zu anderen Kranken sieht man einem fettsüchtigen Menschen sein Leiden an", sagt Diätspezialist Ulrich Keller.

Mit dem kargen Wissen, das den Fettforschern derzeit zur Verfügung steht, bleibt ihnen nicht anderes übrig, als dem Übergewicht mit relativ plumpen Strategien auf den Leib zu rücken: Ohne das Regelwerk der Gewichtssteuerung in seinen Einzelheiten zu kennen, drehen die Forscher auf gut Glück an einem Rädchen, das im Fettstoffwechsel womöglich nur eine Nebenrolle spielt.

Das Roulettespiel mit dem Körper ist nicht immer ungefährlich. Nebenwirkungen der Medikamente sorgen derzeit in den USA für Alarmstimmung. "Fen- Phen", eines der beliebtesten Schlankheitsmedikamente, hat gefährliche, bisher unbekannte Effekte, berichtet eine Ärztegruppe der renommierten Mayo Clinic im Staat Minnesota. Der Bericht erscheint am 28. August im "New England Journal of Medicine". Das Mittel ist ein Mix aus zwei Medikamenten und erhöht den Serotoningehalt im Gehirn. Serotonin wirkt als Botenstoff, der Appetit und Laune regelt. Die Forscher haben bei 25 Frauen, die während sechs bis acht Monaten den Gewicht vernichtenden Cocktail schluckten, eine Schädigung der Herzklappen beobachtet. Bei fünf Frauen mussten sie ersetzt werden.

Die amerikanische Zulassungsbehörde FDA hat nun in einer Blitzaktion an Tausende von Ärzten Briefe verschickt mit der dringlichen Bitte, ihre Patienten auf Herzschwächen zu prüfen. In der Schweiz sind beide Medikamente einzeln zugelassen. Ob sie auch miteinander verschrieben werden, ist in keiner Statistik festgehalten.

Auch beim derzeit erfolgreichsten Appetitzügler warnen Experten vor einer fatalen Überraschung: Die Substanz Dexfenfluramin, in der Schweiz seit 1988 mit dem Namen Isomeride erhältlich, steht unter dem Verdacht, Nervenzellen abzutöten. Der Hirnforscher George Ricaurte der Johns-Hopkins-Universität in Baltimore hat Affen verschieden grosse Mengen Dexfenfluramin verabreicht und dabei beobachet, dass Nervenzellen in der vorderen Hirnrinde zerstört wurden. Versuche mit anderen Tieren scheinen Ricaurtes Ergebnisse zu bestätigen. Kritiker werfen ihm vor, astronomisch hohe Dosen an Dexfenfluramin gebraucht zu haben. Ricaurte weist den Vorwurf zurück und betont, dass "die verabreichte Dosis, die einen Gewichtsverlust bewirkt, mit der Dosis überlappt, die Hirnzellen zerstört". Die US-Zulassungsbehörde FDA will nun in einer Studie das Medikament auf sein hirnschädigendes Potenzial prüfen lassen.

Dexfenfluramin birgt noch eine weitere, allerdings selten auftretende Gefahr, die der Fachwelt bereits bekannt ist: Die Chancen, an einer oft tödlich verlaufenden Lungenkrankheit (primäre pulmonale Hypertension) zu erkranken, stehen zwanzig zu einer Million. Für Johannes Wechsler, Präsident der deutschen Adipositas-Gesellschaft, überwiegen jedoch die Vorteile die Nachteile. Zusammen mit einer strikten Diät und einem Bewegungsprogramm verschreibt Wechsler die Pille bei fünf bis zehn Prozent seiner Patienten. "Dexfenfluramin ist derzeit das einzige vernünftige Medikament auf dem Markt." Es reduziert das Gewicht einer stark übergewichtigen Person in einem Jahr um fünf bis zehn Prozent.

Im weltweiten Wettrennen um wirksame Abspeckmittel arbeiten die Forscher mit Hochdruck an neuen Präparaten. Dabei werden absonderliche Ideen geboren. Der amerikanische Konzern Pfizer entwickelt eine Substanz, die dem Körper Sport vorgaukelt: Sie erhöht die Stoffwechselrate des Körpers um bis zu dreissig Prozent. "Nach einer sportlichen Leistung verspürt man meist Hunger", sagt Robert Dow, Leiter der Entwicklungsgruppe bei Pfizer, "diese Pille jedoch macht keinen Hunger." Funktioniert die Idee nicht nur bei Mäusen, sondern auch beim Menschen, wird die Sporttablette laut Dow in fünf bis zehn Jahren zu kaufen sein. Fettstoffwechselspezialist Eric Jéquier von der Universität Lausanne ist skeptisch: "Eine Erhöhung des Herzschlages könnte als unerwünschte Nebenwirkung auftreten."

Für andere Unternehmen ist der Sportler aus der Pharmaretorte kein Thema. Die US-Firma Amgen will mit dem vom Körper produzierten Botenstoff Leptin den Weltmarkt erobern. Als der Stoff vor drei Jahren entdeckt wurde, glaubte man, den Regelknopf des Fettstoffwechsels gefunden zu haben. Heute ist die Euphorie verflogen. "Leptin hat als Schlankmacher im Moment keine Bedeutung", meint Johannes Georg Wechsler, Präsident der deutschen Adipositas-Gesellschaft.

Die meisten Medikamente, die heute in Entwicklung sind, werden das Rennen um grosse Marktanteile verlieren, meinen Finanzexperten. Denn die Arzneien verändern aufs Geratewohl eine Stelle im Fettstoffwechsel, ohne dass die Wissenschaft dessen Details kennt. Weit bessere Chancen geben Finanzspezialisten jenem Medikament, welches das ganze komplexe System umgeht. Die Abspeckpille von Roche, die Ende dieses Jahres auf den Markt gelangen soll, greift dort ein, wo das Problem der Fettsucht beginnt: im Darm. Anstatt im Gehirn heikle Aufträge zu erfüllen, verhindert Xenical die Aufnahme des Nahrungsfettes in den Körper. Damit der Körper Fett aufnehmen kann, muss es im Darm zerstückelt werden. Xenical stört diesen Prozess, in dem es ein bestimmtes Eiweiss am Zerschneiden der Fette hindert. Dreissig Prozent des Fettes wird so unverdaut ausgeschieden.

Die Wirkung des Medikaments haben Forscher in zwei Jahre dauernden Untersuchungen erprobt und dabei beobachtet, dass Xenical auch den Cholesterinspiegel im Blut senkt. Was den Gewichtsverlust betrifft, ist Jubel jedoch fehl am Platz. Nach einem Jahr Behandlung hatten vierzig Prozent der Patienten ein Zehntel oder mehr ihres Gewicht verloren - vorausgesetzt, die Frauen und Männer füllten ihre Teller nach Vorschrift des Arztes und mieden das Sofa.

Im zweiten Jahr passierte, was die Diätspezialisten den Jojo-Effekt nennen: Teile des mühsam abgerungenen Gewichts schlugen bei drei Vierteln der Patienten wieder zu Buche. Ein Viertel konnte das Gewicht halten oder gar noch mehr senken. Damit die Fettschichten sich nicht wieder breit machen können, hat Roche bei der US-Zulassungsbehörde eine unbefristigte Therapie mit Xenical beantragt, wie Carsten Thiel, internationaler Productmanager von Roche, sagt.

Trotz der eher bescheidenen Resultate verkaufen die Pharmariesen ihre Scharmützel gegen das Übergewicht als Erfolg: Wer Pillen schlucke, seinen Körper trimme und Diät halte, habe gute Chancen, sein Leben zu verlängern. Auch laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) reduziert ein Gewichtsverlust von zehn Prozent das Risiko für Herz-Kreislauf-Krankheiten um ein Fünftel, was die Lebenserwartung deutlich steigere. "Das Mass für den Erfolg gegen die Fettsucht ist nicht ein möglichst hoher Gewichtsverlust. Viel wichtiger ist es, mit einer längeren Therapie eine moderate Gewichtsabnahme zu erreichen", meint auch Philip James, Leiter der International Obesity Task Force der WHO.

Kritiker von Schlankheitspillen bezweifeln jedoch, dass der dicke Mensch der westlichen Industriestaaten mit Hilfe der Pharmaindustrie Lebensjahre geschenkt bekommt. "Es gibt keine einzige Studie, die direkt beweist, dass Schlankheitspillen das Leben verlängern", kritisiert Larry Sasich, Pharmakologe der amerikanischen Konsumentenschutzorganisation Public Citizen. Auch Fettsuchtspezialist Keller gibt zu bedenken, dass bisher "keine Studie untersuchte, ob durch eine medikamentöse Therapie fettsuchtbedingte ernsthafte Komplikationen wie Herzinfarkt vermieden werden können".

Während Abspeckpillen ihren Siegeszug in die Haushalte begonnen haben und Wissenschaftler das biologische Labyrinth des Körpers nach weiteren Ursachen der Fettsucht durchforsten, suchen Evolutionsbiologen die Gründe der Krankheit anderswo: in unserer Vergangenheit.

Für unsere Ahnen war es von Vorteil, möglichst viel Fett als Reserve für die nächste Hungerperiode zu speichern. Dies habe dazu geführt, meinen Evolutionsbiologen, dass der Mensch im Laufe der Evolution haushälterische Gene angereichert habe. Fett, der kostbare biologische Treibstoff, wird seit Jahrtausenden vom Körper effizient gespeichert. Doch im Gegensatz zum Steinzeitler, dessen Körper dem Laufen und Jagen angepasst war, fährt der krawattenbehangene Büromensch heute Lift und Auto, sitzt tagsüber vor dem Computer und abends auf dem Sofa. Nicht nur der üppige Menüplan, sondern auch das Herumsitzen macht uns fett und krank.

Forscher in den USA behaupten jetzt sogar, nicht das Fett, sondern Bewegungsmangel bringe uns frühzeitig ins Grab. Körperlich fitte Männer, berichten Steven Blair und seine Kollegen vom Cooper Institute for Aerobics Research in Dallas, leben gesünder, unabhängig von ihrem Gewicht. In einer Langzeitstudie haben die Forscher herausgefunden, dass sportliche dicke Männer im Durchschnitt länger leben als normalgewichtige, schlappe Männer. Sollten die Wissenschaftler aus Dallas recht behalten, macht das tägliche Schwitzprogramm die Abmagerungspillen vollends überflüssig.

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