Zu Gesund ist ungesund

Ein Artikel aus der Sonntags Zeitung vom 29.09.2002


Zu gesund ist ungesund

Wenn blinder Glaube an die richtige Ernährung krank macht

Früher brauchte die Asthmatikerin Andrea mehrmals täglich Medikamente, um
ohne Anfälle über die Runden zu kommen. Dann begann die Frau, sich gesund zu
ernähren. Verbannte jedes Lebensmittel aus ihrem Speiseplan, das im Verdacht
stand, Asthma zu fördern. Mit grossem Erfolg - die Medikamente waren bald
überflüssig. Doch dafür hat sie jetzt ein anderes Problem. Sie leidet unter einer
pathologischen Ess-Fixierung. Arzt Steven Bratman, bei dem sie jetzt in
Behandlung ist: «Früher nahm Andrea vier Medikamente, aber sie hatte auch
noch ein Leben. Heute hat sie nur mehr ihre Diät.»

Bratman zählt Andrea zu der Hälfte seiner Patienten, die ihre Umgebung damit
nerven, dass sie Pfannen, in denen mal ein Schnitzel briet, für verseucht
halten - mit «fleischlichen Schwingungen». Zu jener Spezies also, die sich
schwer mit der Wahl eines Restaurants tut, da sie allen Gerichten, Köchen
und Zubereitungsarten misstraut, um dann am Tisch doch nur lustlos in einem
Teller mit gekochtem Reis und Bohnensalat ohne Sauce zu stochern.
Dieser Krankheit verpasste Bratman einen treffenden Namen: Orthorexia
nervosa. Lateinisch für die krankhafte Sucht, richtig zu essen - analog zu
Anorexia nervosa, der Magersucht. Anorexie und Bulimie (Fress-Brech-Sucht)
waren die Krankheiten, die in den Neunzigerjahren die Konzentration auf die
Menge des Essens ins öffentliche Bewusstsein rückten. Die Esskrankheit
unseres Jahrzehnts heisst Orthorexie: die Fixierung auf die Qualität der
Speisen.

Was in kleinen Mengen gesund ist, ist noch lange nicht gesund als Diät

Bratman, ehemaliger Gesundheitsapostel, Kommunarde und Ökobauer, war selbst
Orthorektiker und hatte in seiner jahrelangen Praxis als naturheilkundlicher
Arzt mit unzähligen «Health Food Junkies» zu tun. So nennt der Arzt aus
Colorado nicht nur seine in den Teufelskreis von Bioladen, Ökowahnsinn und
Essverweigerung gekommenen Patienten, sondern betitelte mit dem Begriff auch
sein Buch zum Thema.

Bratmans These: Das ursprünglich gut gemeinte Bestreben, sich richtig zu
ernähren, kann bei allzu rigider Verfolgung von Ernährungslehren wie
Makrobiotik oder Vollwertkost manische Züge annehmen. Die davon Betroffenen
machen gesundes Essen zu ihrem Lebenszweck, vernachlässigen alles andere,
geraten in soziale Isolation und finden einzig in der verbissenen
Selbstgerechtigkeit gegenüber normalen Essern noch einen Funken Freude -
alles unter dem Banner der reinen Lehre von der Gesundheit.

Ähnliche Beobachtungen, wenn auch (noch) nicht unter dem Begriff
«Orthorexie», machen Ärztinnen und Ärzte in der Schweiz, die sich mit
Essstörungen beschäftigen. «Die Patienten in unserer Sprechstunde ernähren
sich zu über 95 Prozent vegetarisch, veganisch oder in Sorge vor allen
möglichen Arten von Nahrungsmittelunverträglichkeiten», sagt Dr. Bettina
Isenschmid von der Psychiatrischen Poliklinik des Berner Inselspitals. «Und
es werden immer mehr.» So stockte die Klinik die Sprechstundenzahl für
Essstörungen in den letzten Jahren von ursprünglich zwei auf acht Termine
pro Woche auf. Doch das reicht offenbar noch immer nicht, denn die Daten
sind auf Monate im Voraus belegt.

Auch Gabriella Milos, Leiterin der Abteilung für die Behandlung von
Essstörungen der Psychiatrischen Poliklinik des Universitätsspitals Zürich,
betreut Menschen mit schweren Essstörungen: «Fast alle Patienten haben die
Vorstellung, nur Früchte oder Gemüse essen oder sich sonstwie gesund
ernähren zu müssen», sagt sie. Und fügt an: «Bei vulnerablen Individuen löst
intensive Auseinandersetzung mit Diäten oft schwere Essstörungen aus.»

Doch die so genannt gesunde Kost hat auch handfestere Nachteile. Das
bestätigt Karl Pirlet, emeritierter Ordinarius für Innere Medizin an der
Universität Frankfurt am Main und Naturheilkunde-Arzt in
Garmisch-Partenkirchen: «Ich habe mir stundenlang die Krankheitsverläufe
angehört, habe mir die oft unsinnigen Ernährungsgewohnheiten meiner
Patienten erzählen lassen. Ich sah mir die Körper an, die verquollenen
Gesichter, betastete das Hautgewebe, die Bäuche, beroch die Ausscheidungen,
erlebte dann aber die eklatanten Besserungen und Heilungen, wenn ich den
scheinbar Gesunden eine verdauungsfreundliche Kost anbot. Wir können rohe
Körner, rohe Blätter und rohe Wurzeln in grösseren Mengen nicht verarbeiten.
Dafür ist unser Verdauungssystem nicht geschaffen.» Das Fazit des
Internisten und Rheumatologen: «Erst nach zehn bis zwanzig Jahren kommt bei
diesen Leuten der gesundheitliche Zusammenbruch. Oft ein überraschend
einsetzender Alterungsprozess, etwa am arteriellen System oder an den
Gelenken. Natürlich will dann niemand wahrhaben, dass die so gesunde
Ernährungsweise vergangener Jahre verantwortlich sein soll für das
gesundheitliche Fiasko.»

Auch Peter Marko, Arzt und Ernährungsberater mit eigener Praxis in St.
Gallen, weiss um die Folgen einseitiger Diäten: «Genauso wenig wie Alter vor
Torheit schützt, schützt Vegetarismus vor Krankheit», lautet sein Résumé.
«Leider neigen die Patienten dazu, den Erfolg einer vegetarischen Ernährung
zu überschätzen. Pflanzliche Stoffe können immunologisch belastender und
allergisierender als tierische Produkte sein und Reizdarm mitverursachen.»
Sein Rat: «Am wichtigsten ist eine abwechslungsreiche Ernährung, bei der
kein Lebensmittel ununterbrochen gegessen wird.»

Zu viele Körner und Vitamine können auf den Magen schlagen
Obwohl die Orthorexie-Forschung noch in den Kinderschuhen steckt, ist
sicher, dass sich «Health Food Junkies» von vielen Gesundheitsmärchen
verabschieden müssen. Denn was angeblich zwar nicht so lecker schmeckt, aber
wahnsinnig gesund sein soll, ist nicht mal dies. Das predigt auch Udo
Pollmer, Lebensmittelchemiker, Wissenschaftsjournalist und
Wissenschaftlicher Leiter des Europäischen Institutes für Lebensmittel- und
Ernährungswissenschaften in München, in seinen Bestsellern «Prost Mahlzeit.
Krank durch gesunde Ernährung» oder «Lexikon der populären
Ernährungsirrtümer» - nach deren Lektüre auch Gesunde orthorektische Gefühle
bekommen könnten: nichts als Gift in den Supermarktregalen!

Doch auch im Bioladen lauern Gefahren, denn hier werden die Lügen eifernder
Ernährungsideologen zu wenig wohlfeilen Waren. Die irreführenden
Glaubenssätze von Gesundheitsaposteln gibt es als Körnerfutter und
Vitaminpräparate zu kaufen, deren hochdosierte Einnahme nicht nur
Verdauungsprobleme (siehe Kasten), sondern auch psychische Schwierigkeiten
bereiten kann.

Dennoch hindert das Institute wie etwa die Bundesforschungsanstalt für
Ernährung in Karlsruhe keineswegs, die gesundheitlichen Gefahren von
Vollwertkost hektisch zu relativieren. Bürokratendeutsches

Fazit: «Die Verbraucher können weiterhin guten Gewissens zu
Vollkornprodukten greifen und fördern dabei mit grosser Wahrscheinlichkeit
die eigene Gesundheit.» - Mit grosser Wahrscheinlichkeit.

Sind Sie Orthorektiker?

Ein Test nach dem US-Arzt Steven Bratman
1. Beschäftigen Sie sich mehr als drei Stunden täglich mit gesunder Nahrung
(von Menüplanung über Einkauf, Kochen, Lektüre zum Thema Essen bis zu
Diät-Chats im Internet)?
... Ja 1 Punkt
... Nein 0 Punkte
... Über fünf Stunden 2 Punkte
2. Planen Sie heute schon Ihren morgigen Speisezettel?
... Ja 1 Punkt
... Nein 0 Punkte
... Ich plane mehrere Tage im Voraus
2 Punkte
3. Ist Ihnen der biologische Wert der Lebensmittel wichtiger als die Freude
an deren Verzehr?
... Ja 1 Punkt
... Nein 0 Punkte
4. Wenn Sie Ihre Ernährung verbessern - sinkt Ihrer Meinung nach damit Ihre
Lebensqualität?
... Ja 1 Punkt
... Nein 0 Punkte
5. Wurden Sie in den letzten Jahren strenger mit sich selbst?
... Ja 1 Punkt
... Nein 0 Punkte
6. Steigert sich Ihr Selbstwertgefühl, wenn Sie gesunde Nahrung zu sich
nehmen?
... Ja 1 Punkt
... Nein 0 Punkte7. Fühlen Sie sich schuldig, wenn Sie Ihre Diät unterbrechen?
... Ja 1 Punkt
... Nein 0 Punkte
8. Sehen Sie auf andere herab, die sich weniger bewusst ernähren?
... Ja 1 Punkt
... Nein 0 Punkte
9. Empfinden Sie Glück durch strenge Kontrolle Ihrer eigenen Ernährungs-
vorstellungen?
... Ja 1 Punkt
... Nein 0 Punkte
10. Tiere befassen sich den ganzen Tag mit Nahrungsaufnahme
-- warum nicht auch wir Menschen?
... Richtig 1 Punkt
... Falsch 0 Punkte
Auswertung Test
0 -2 Punkte: Sie sind okay. Sie können Essen ohne schlechtes Gewissen
geniessen - lassen Sie es sich weiterhin schmecken.
3-5 Punkte: Ein leichter Touch von Orthorexie ist zwar noch nicht
gefährlich, aber auch nicht angenehm. Passen Sie auf, dass Sie nicht weiter
hinein rutschen in den Ernährungswahn. Davon werden Sie nicht gesünder,
sondern nur gestresster.6-8 Punkte: Sie haben ernste Schwierigkeiten mit ihrer Ernährung. Nehmen Sie
das Essen nicht so wichtig: Es sollte ihrem Wohlbefinden und Genuss dienen,
nicht als Philosophieersatz.
9-12 Punkte: Sie sind waschechter Orthorektiker und brauchen fachmännische
Hilfe. Zögern Sie nicht, sich zu einer Essstörungssprechstunde anzumelden,
Sie setzen sonst Ihre Gesundheit aufs Spiel.

 


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